Sonntag, 22. Mai 2016

Scheufel im Tafspelz

Komme scheinbar doch nicht klar, mit dem ganz alleine Sein; spreche schweigend mit mir selbst; Kontaktabbruch zur Außenwelt - nur manchmal seh' ich aus Versehen, im wundgereizten Augenwinkel, wie mein eingefall'nes Spiegelbild, heimlich bös' in meine Richtung starrt; mordlüstern seine Nüstern bläht.
Krieche zwecks notwendigem Weinnachschub-Kauf - mehr Sonnenbrille als Gesicht - verstört in Richtung Supermarkt: Der scheiternde Versuch, sich abzulenken, von sich selbst; kurz nachzusehen, ob die Außenwelt noch steht; man mich trotz alledem, weiterhin als Mensch erkennt - ich nicht unbemerkt zum Geist mutierte.
Eine warzenübersäte Fette schiebt zwei Sixpacks Freeway-Cola light - ganz so, als gäb's noch was zu retten - in einem pinken Kinderwagen; das entsprechend verwahrlost wirkende Kind trottet mit fettigem Haar und fleckigem Bob-der-Baumeister-Shirt in Schlangenlinien hinterher. An der Kasse, die Mutter - mich zusammenzucken-lassend laut - zur Tochter: ,,Ich hab' die Schnauze voll von deiner Art, kann dich einfach nich' mehr seh'n!'' - ich denk' mir quasi nix dabei, packe hektisch meinen Wein [sowie drei Tuben Tomatenmark und drei Tetrapacks haltbare H-Milch (und ja - ich achte trotz allem Chaos im Innern, immerhin stets darauf, den Einkauf weiterhin anhand sauberer Alliterationen auszurichten)] ein.
Der altgediente Armeerucksack klimpert munter auf dem krummen Rücken; die schwarz-goldne Adidas Firebird liegt schützend eng auf dünner Haut, während ich gefühlte fünfzehn Kilometer Gehweg, auf den dreihundert Metern Rückweg, in Richtung grün-weiß grellem Wohnheim gehe.
Erneut am sich'ren Schreibtisch sitzend, lese und betrink' ich mich.
Jahrelang unterdrückte, ungebremst hochkochende, sich eruptierend von ihren Fesseln lösende Affekte, lauern wie die Scharfschützen von Sarajevo seit 1425 Tagen in der Wohnung gegenüber; ballern mich bei jeder Regung gnadenlos zu Boden; deswegen sind die Vorhänge stets zugezogen; ich mich Tag ein Tag aus im Dunkel des Zimmers, hinter schweren Büchern und dem Leuchten des Laptopbildschirms versteckend.
Das Gehirn giert nach Blut und Sperma; der Verstand bringt dazu nicht viel zu Stande außer ,,immerhin wird's draußen wärmer'' - ganz so, als ginge ich noch vor die Tür; dorthin wo scheinbar grad' die Sonne sinkt: der dünne Streifen Licht, der in die zugestaubte Wohnung fällt, verdorrt sekundenschnell; löst sich leise zischend auf - und ich wünscht', ich tät's ihm gleich - glaub', ich trink' gleich noch 'ne Flasche leer; schreib' dir dann 'n Brief - leg ihn zu den andern zehn.

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