Mittwoch, 13. Juli 2016

Schockstarre

Es ist 13.33 Uhr, ich liege in meinem Bett und esse alte Erdnüsse, die ein bisschen weich geworden sind, fast nach nichts schmecken und alles vollkrümeln. Ich trage ein ausgeleiertes Schlafshirt, Boxershorts und sonst nichts; müsste eigentlich dringend aufstehen, mich anziehen und ähnliche alltägliche Handlungen ausführen, um mich schleunigst auf den Weg zu meinem gleich beginnenden Seminar zu begeben. Aber ich traue mich nicht, aufzustehen und mich anzuziehen, da ich dafür den Wäscheständer vom Balkon zurück nach drinnen holen müsste, den ich gestern Nacht, beim Wäscheaufhängen, einfach dort habe stehen lassen, obwohl ich mir doch so fest vorgenommen hatte, ihn diesmal die Nacht über wieder hereinzuholen. Neben dem Wäscheständer steht ein roter Plastikkorb, halb gefüllt mit unaufgehängter feuchter Wäsche, die jetzt sicherlich unangenehm modrig riecht; die man dann vielleicht trotzdem ins Regal einräumt, nur um sie dann, wenn man es mal wirklich eilig hat, wegen eines wichtigen Termins, eines Vorstellungsgesprächs oder einer nervenaufreibenden Modulabschlussklausur zum Beispiel, hektisch wieder herauszureißen, kurz kritisch, dann angewidert daran zu riechen, nur um sie dann doch wieder in die meistens ohnehin schon randvoll überfüllte Wäschetrommel im Badezimmer zu stopfen. Ich habe nicht nur Angst davor, aufzustehen und mich anzuziehen, weil der Wäscheständer an sich noch auf dem Balkon steht, sondern auch, weil sich auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber, auf exakt gleicher Höhe, der Aufenthaltsraum eines kafkaesk in die Tiefe wuchernd, matschig braun strahlend, kubisch jeglicher Ästhetik trotzenden Firmengebäudes befindet, in dem immer ältere Menschen, mit Dauerwelle oder ohne Haare, gelangweilt am Fenster sitzen, rauchen, und trüb ins Leere oder direkt in meine Wohnung starren, die ja unglücklicherweise, wie bereits erwähnt, auf gleicher Höhe liegt. Ich kann es ihnen nicht verübeln, hasse sie aber trotzdem. 
Aus lauter Verzweiflung habe ich in einem einmaligen Akt praktischer Betätigung, einen gesamten verregneten Samstag lang, samt zweimaligem Baumarktbesuch, einen Sichtschutz aus Bastzaun an dem Metallgeländer meines Balkons befestigt. Der mich bei meinem Bastzaunkauf beratende Baumarktfachverkäufer, fragte energisch, ob ich mir sicher sei, dass die 80cm Höhe denn ausreichten und ob ich nicht doch lieber die 1,20m-Variante erwerben möchte. Ich habe mich dann letztlich für die 1,20m-Variante entschieden (bewahre seitdem unter meinem Bett einen rot lackierten Holzschemel, für etwaige kleinwüchsige Gäste auf, damit diese, falls gewünscht, einen Blick auf den direkt vor dem Wohnheim verlaufenden Bordstein erhaschen können) und ärgere mich jedes Mal, wenn ich in meiner Wohnung oder auf dem Balkon stehend, doch noch die verschwommenen Umrisse, der fratzenhaft umqualmten Gesichter erkennen kann, dass ich mich nicht für eine Ausführung in mindestens 8,70m Höhe entschieden habe. 
Oft stehe ich auf dem Balkon; nachts meist ohne Klamotten, Bier trinkend; tagsüber häufig nur eine Hose, kein Shirt tragend, und frage mich, ob es für die Leute, die nur meinen unbekleideten Oberkörper sehen können, so aussieht, als ob ich gänzlich nackt sei, oder ob diese überhaupt nur meinen Oberkörper - und nicht vielleicht doch sogar durch die kleinen Ritzen im Bastzaun hindurch, die von mir getragene Hose sehen können. Dieser Gedanke wiederum beunruhigt mich dann und seitdem plane ich, das nächste mal, wenn sich jemand aus meiner Wohnung verabschiedet, diesem jenigen aufzutragen, beim nach draußen auf die Straße Gehen, sich erneut nach oben guckend umzuwenden, um mir zuzurufen, ob man sehen kann, dass ich keine Hose trage; die ich für dieses Experiment natürlich extra ausgezogen hätte. Leider habe ich sehr selten Gäste.
Der Gedanke, dass nur ich durch die kleinen Ritzen nach draußen-, der Rest der Welt aber nicht zu mir hinein gucken kann, beruhigt mich dann wieder ein bisschen. Manchmal hocke ich dann neben den drei verdorrten Gewürzpflanzen (Schnittlauch, Thymian, Basilikum) und stelle mir vor, der Bast nähme nach oben hin kein Ende, und fühle mich ein bisschen wie im Urwald, irgendwie seltsam geborgen. 
Jetzt habe ich diesen Text geschrieben, immer noch keine Hose an, der Wäscheständer steht weiterhin auf dem Balkon, gegenüber sitzen unverändert rauchende Menschen mit Dauerwelle oder ohne Haare und ich bin mir wie gehabt unsicher, ob diese, falls ich jemals wieder aufstehen sollte, um zum Beispiel die Wäsche zurück in die Wohnung zu holen, sehen könnten, dass ich keine Hose anhabe, oder ob sie, anhand des von mir getragenen T-Shirts vermuten würden, ich sei, wie es sich für einen normalen Menschen gehört, dienstags, um kurz vor zwei, vollständig angekleidet.
Ich wünschte, dieser Augenblick würde niemals enden, mich niemals wieder aus seinem sicheren Schoß zurück in diese verwirrende Welt verstoßen. Ich wünschte, ich könnte für immer hier auf dem Bett sitzen bleiben und darüber rätseln, wer wie viel von meiner Kleidung oder eben Mangel an jener sehen kann, wenn ich mich auf dem Balkon oder in genereller Fensternähe befinde. 
Und die rauchenden Menschen gegenüber wissen, was ich denke, und lächeln müde und verständnisvoll, weil wir ja in Wahrheit alle nur ein großes, harmloses Spiel miteinander spielen und sie mir nichts Schlechtes wollen, bloß Teil meines Gesamtplans sind -
Und ich hoffe sie sind mir nicht böse deswegen.

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