Sonntag, 1. Juli 2018

L. D.

Wir haben über Freiheit gesprochen, durch die Weinberge des Ahrtals wandernd, an irgendeinem Sommersamstag. Und es fühlte sich ernüchternd an, die Wirklichkeit zu seh'n: dass es vorerst nichts zu retten gibt, als das Recht darauf Person zu sein.
Spätnachts hast Du mir dann gesagt, dass Du mich in der Zukunft siehst; wie mein Potential dort Wurzeln schlägt. Worauf ich nervös zu dementieren anfing: dass ich seit langem schon nicht handeln kann, bloß stumpf und still im Leerlauf leide. Da meintest Du, lakonisch, wie Du bist, dass ich ja dennoch denken kann.

Weiterhin mein einziges Prinzip: Nicht das Elend wiederholen, nicht denselben Fehler zu begeh'n, der mich zwang ich selbst zu sein, so wie ich heute bin. Der verzweifelte Versuch Vernunft in dieser Welt zu seh'n: er fällt mir schwer wie nie. Mitten im Erwachsensein, irgendwie ein Leben lebend.
Ich habe mir Gestalt gegeben, bin ein Teil von dieser Welt geworden: Vom Luftschlosstraum zur Wirklichkeit. Das ganz abstrakte Alles-nur-vernichten-Wollen scheint bloß blass am Horizont.
Und Du schaust mich schweigend an, sodass ich glaube, mir zu wünschen, dass Du verstehst, was in mir tobt. Ein Zustand seltener Verbundenheit: bei Dir bin ich ich selbst, und denke, dass das wertvoll ist und bleibt.

Ich selbst bin jetzt auf mich gestellt, mein Denken oszilliert. Ich weiß nicht wie es weitergeht, nicht mit mir und auch an sich. Mein Narrativ verzehrt sich selbst, kreist wundgereizt ums Ich: Ein lauer Witz in kaltem Rauch und schweißdurchnässtem Bett.
Und dennoch existieren Menschen, in deren Gegenwart ich atmen kann; an deren Seite ich, wenn ich einmal ehrlich bin, so viel lieber in mir selbst versinke, als allein in meinem Bett und der Flucht vor meiner trägen Selbstgenügsamkeit, die, so starr wie unbarmherzig, mein ganzes Dasein an sich reißt, als absolute Weltfremdheit: Ein Eiertanz ins Nichts.

Vor dem Fenster west der Sommer, im Kopf tuscheln die Stimmen. Junge Menschen laufen wirr umher, bezwingen stolz den letzten Rest der Nacht; ihre Hemden krumm und schief. Die Frage nach dem Ziel platzt krachend aus dem Boden auf und spuckt mir ins Gesicht.

Montag, 25. Juni 2018

Jugendschriften: Atlas (2013)

Hände, gewaschen in Keuschheit.
Dunkelschwarze Schuld auf ausgedörrten Schultern.
Kreidebleiche Kussmünder, gespaltene Zungen;
zermalmt von splittrig gelben Zähnen.
Ihr Gewissen verändert die Menschen –
ich kann es fühlen.

I. Atlas träumt
Atlas dreht sich in seinem Schreibtischstuhl bedächtig um die eigene Achse und lässt den Blick durch das Kinderzimmer schweifen. Schwelgend in der jugendlichen Phantasie, Held eines schlechten Films zu sein: Sodass der Rest der Welt durch seine Augen schaut; mit ihm sein Dasein denkt. Und unweigerlich sieht er sich als Kranken, der sich selbst zu heilen sucht. –
Nichts als eine Ratte im Versuchslabor Menschheit, die sich unerwartet auf zwei Beine stellt, einen Kittel überstreift und bedeutungsschwanger durch den Käfig schreitet. Um diesen stehen indes zehn alte graue Männer und machen sich Notizen. Bis ein aus einem Lautsprecher dröhnender Signalton sie dazu veranlasst, einen Knopf zu betätigen, der den Käfig unter Starkstrom setzt. Die megalomane Ratte zuckt schockiert, taumelt kurz und fällt dann stumpf zu Boden. Händeschütteln, energisches Kopfnicken, die Forscher verlassen fröhlich den Raum.
Derweil sitzt Atlas, noch immer regungslos, auf seinem Stuhl und kontempliert den Wunsch, seinen rotweinsauren Magen, samt dessen ganzem Inhalt, auf die staubigen Holzdielen zu erbrechen, um auf ewig in die wohlig warme Suppe einzutauchen und der Welt endgültig Lebewohl zu sagen.

II. Atlas wird müde
Mittlerweile war es Nacht geworden. In der Zimmerecke zuckte nur noch müde die Flamme einer langsam ersterbenden Kerze. Atlas war zufrieden mit sich selbst. Zwar noch nicht bereit den wundgereizten Verstand gegen nervösen Halbschlaf einzutauschen, aber dennoch angenehm ausgelaugt. Als an sich regungsloses Wesen genoss er das so seltene Gefühl von ehrlicher Erschöpfung.
Ein alter Freund betrat den Raum und bei erneutem Wein vergaß man für einen Augenblick den kalten Schnee, der, direkt vor dem Fenster ein unendliches Weiß bildend, Hügel und Felder bedeckte – und verschmolz zu einer innigen Blase der Glückseligkeit. Die dann auch allzu bald ihr Ende fand. Sodass Atlas, mit gesenktem Haupt, an der schmalen Schneise zwischen Langeweile und Frustration herumflanierte. Bis er sich endgültig eingestand, dass es vorerst nichts zu tun gab, und dass auch das Nichtstun zu nichts führen würde. Er wurde schlichtweg müde.

III. Atlas und das Denken
Atlas fragt sich, nachts in seinem Bett liegend, ob er das Gefühl, jemals jemanden geliebt zu haben, bloß verdrängt, vergessen, oder doch niemals erlebt hat.
Am nächsten Morgen, in der Dusche, muss er lachen. Denn die genauso illegitime wie unvermeidliche Sisyphusfrage unsres Daseins besteht nun einmal darin, unabdingbar zu versuchen zu entschlüsseln, was uns irgendwie geschieht: Denken ist grundsätzlich Nostalgie.

IV. Atlas steht auf
Atlas lag erneut gelangweilt in seinem Bett herum. Die Vergangenheit hatte ihn abstumpfen-, das heißt unempfänglich für die Gegenwart und ignorant in Hinblick auf die Zukunft werden lassen: Seine Trauer überwog die Angst. Und so ergab es sich, dass er an einem lauen Septembernachmittag, einfach regungslos daliegend – nur nebenbei das Geschrei der Vögel registrierend – durch das verschmierte Fenster hindurch und direkt in den blauen Sommerhimmel starrte.
Irgendwie komisch, dachte er sich, wie das Gefühl von Fremdheit in mir wächst.
Überhaupt war dies ein äußert seltsamer Sommer für Atlas gewesen: Ein Gefühl von Ereignislosigkeit machte sich in seinem sonst so wirren Leben breit. Ein Vorgeschmack von Glücklichsein befiel in Form von Apathie alle seine Glieder. Sodass er merkte, dass es an der Zeit war sich vom Bett zu trennen. Und so trat Atlas in die Welt.

Sonntag, 24. Juni 2018

Sonntagmorgens in der Brüdergasse

Mein Ich zerfällt zur Trias: Harndrang – Schwindel – Übelkeit. Vor dem Fenster dünne Stimmen, leise lachend. Flaschen klirren; es prasseln Stöckelschuhe auf Asphalt. Der Aschenbecher türmt sich babelgleich zur Zimmerdecke, und dichter Qualm durchzieht den Raum. Ein Augenblick der Zweisamkeit, der mir verrät: Ungekannte Nähe tut sich – ganz der Verdrehtheit allen Seins gemäß – erst mit dem ersten echten Abschied auf. Der Stachel der Glückseligkeit: Wie schön das Dasein unbeirrt ins Elend scheint.

Ich bin Bestandteil dieser Stadt geworden, in sie hinein- und festgewachsen: Eingehüllt in Zuckerwatte, buntgefärbte Spinnenweben; die Welt nichts als ein Jahrmarktszelt.
Der leere Marktplatz liegt stumm da, gefüllt mit Regungslosigkeit. Laternenlicht zersticht die Nacht, durchtränkt den Geist mit Einsamkeit. Und perennierend tropft die Zeit hinein ins nunmehr gar nicht allzu ungewisse Sein. – Gleich erstem Schnee auf warm beschlag'nen Fensterscheiben.

Der längste Tag des Jahres schaut zum Fenster rein

Von Hölzchen auf Stöckchen,
immer tiefer in die Nacht hinein,
bis morgens früh die Vögel singen:
Nur noch eine Zigarette,
nur noch dieses eine Bier –
dann kriech' ich meinetwegen blutbefleckt
in Richtung Bett
und hör' mir selbst beim Denken zu.

Der Versuch diese Momentaufnahme
so gut es geht in Text zu pressen –
ein alter, lauer Witz.
Und alles, was ich weiß, ist,
dass die Worte – wie von selbst –
aus meinem wundgereizten Hirn und
auf die schrecklich leeren Seiten schwappen.

Dienstag, 12. Juni 2018

Wetterleuchten und Einsamkeit

Die ehemalige Hauptstadt hält, eingehüllt in dichte Schwüle, alle Menschen wie im Fiebertraum gefangen. Derweil die Hitze alles Denken lähmt und schwer auf jeder Regung liegt. Sodass die Leute sich verdächtig freundlich geben, dabei in Wahrheit ungemein dünnhäutig und gereizt ihr Dasein fristen.
  Und da ist dieses Mädchen, das ich immer sehe, mit dem ich irgendwann was hatte. Das ich versehentlich verlernt zu grüßen habe, und das mich seitdem anklagend ansieht, wenn wir – uns aufgrund einer unangenehmen Verkettung absurder Ereignisse ignorierend – aneinander vorbeigehen. In dieser furchtbar stickigen Stadt, deren weltumspann'des Grau orgasmisch pulsiert, sich trostlos in sich selbst verliert.

Einstweilen scheint es, als senkte sich eine milchglasfarbene Kuppel über der Stadt, und all die unbescholt'nen Bürger erstickten nach und nach – während sukzessive das Bewusstsein dieses Umstands steigt: Manch einer hatte es sofort durchschaut, ein anderer es gar ersehnt und ein dritter wird es wohl, bis zu seinem allerletzten Atemzug, in Gänze von sich weisen wollen.
  Die Stadt wird zunehmend Meer – Schweiß sondert sich vom Körper ab, vermischt sich mit Luftfeuchtigkeit und kummervollen Tränen. Und eben erst, so sagt man sich, rutschte ein Mann mit Hut unbeholfen aus, in einer der nach und nach entstehenden Pfützen – Bäche – Seen, gefüllt mit Kondensat und Körperflüssigkeit, und brach sich leise fluchend beide Beine.

Man kann die ganze Welt am Körper spüren: enger und enger, mit jedem Tag, wie in einer kleinen Fabel, an deren Ende jemand stirbt. Indes hat Atlas keine ander'n Sorgen, als sich Nacht für Nacht halb tot zu trinken und in goldenes Laternenlicht zu starr'n. 

Ein Gedicht, das einer schrieb, als er in eine Laterne starrte

So entfremdet von der Welt, so entfremdet von mir selbst,
selbst meine eine große Liebe –
der künstlich aufgebauschte Rausch der Nacht –
spuckt mich angewidert wieder aus:

Durch das unbarmherzig andauernde Unwetter
mit anderen Verwirrten in irgendeinen Hauseingang gepfercht,
während der Regen den Dreck aus meiner Seele,
den Dreck aus allen Straßen spült.
Am Himmel Wetterleuchten – im Hirn die Einsamkeit.

Mittwoch, 30. Mai 2018

02:07

Der Vollmond starrt mich gierig an,
über der Stadt hängt tief ein Wolkenschleier.
Ich muss mein Leben selber regeln: Atlas trägt die Welt auf seinen Schultern.

Dienstag, 22. Mai 2018

Ausstieg in Fahrtrichtung links

,,Kleine Informationskunde: Mit offener Tür können wir nicht weiterfahren'' nuschelt der Bahnfahrer ins Mikrofon. Ein junger, bärtiger Herr hatte gedankenversunken die Tür blockiert.
Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung und versuche – so vergeblich wie hektisch – niemanden versehentlich anzustarren. In dem Viersitzer, unmittelbar vor mir, sitzt, mit dem Rücken zu mir, ein betrunkener Jugendlicher, der sich, sichtlich verwirrt, an seine Wasserflasche klammert. Die Hitze drückt und der Gestank wabert.

Einige Betrunkene steigen zu. Ein bereits im Zug sitzender, genauso lallender wie durchschnittlicher Typ, gratuliert, mit krächzender Stimme, ungefragt und unbeholfen einem neu hinzugestiegenen Mädchen mit Glitzer im Gesicht zum Geburtstag. Sie ignoriert in peinlich berührt und stolpert torkelnd ihrer Wege.
Da mir – wie auch immer – sämtliche Kugelschreiber abhandengekommen sind, sehe ich mich weiterhin dazu gezwungen mit Bleistift zu schreiben, sodass letztlich alle Zeilen sinnlos auf Papier verschmieren und ich vorwurfsvoll mein eigenes Spiegelbild anstarre, das vorwurfsvoll zurückstarrt.

Ankunft in Brühl. Ein Kontrolleur streift durch die Gänge. Ich reiße supererogatorisch das Portemonnaie aus meiner Tasche, um, gewissenhaft, wie ich bin, meine Zugfahrkarte vorzuzeigen; werde aber weitestgehend ignoriert.
Kurze Stille, dann das Pumpen und Schnauben der sich schließenden Türen. Danach das Geräusch des anfahrenden Zugs –
und schon ich bin eingeschlafen.

Every winning hand can lose, if you fold in the play-through

Das Gefühl von Liebe mag Dir als Gefahr,
als Ende deines Selbst,
bestenfalls als Kompliment erscheinen;
was in Wahrheit einfach davon abhängt, wo Du gerade stehst
und noch viel mehr mit wem.

Doch, was niemand hier vergessen sollte, ist,
dass der Tod nie eine Antwort, noch viel weniger ein Ausweg;
das Leben selbst – trotz allem – lebenswert verbleibt:
Also halte deine kleine kranke Seele,
trotz jedem ach so schweren Herzensbruch,
zumindest frei vom Elend der Vergangenheit.

Montag, 21. Mai 2018

Selbstreflexive Rahmenbedingungen als Ironie der Wirklichkeit

Danke Jackson, dass Du mir beigebracht hast, dass es manchmal Rahmenbedingungen gibt, die man nicht ändern kann und dass man gut daran tut, diese als solche zu akzeptieren; als wir an irgendeinem Abend oder Morgen in Schmerbroich auf dem Parkplatz standen, den es mittlerweile nicht mehr gibt und ich und mein Bruder nach Hause mussten, weil wir noch minderjährig waren und wir darüber sprachen, dass wir trotz allem – wenn die ganze schlimme Zeit irgendwann vorbei sein sollte – ungebrochen Freunde bleiben. –
  Begann ich, als ich im Zug von Köln nach Hause saß, in mein Textbuch aufzuschreiben. Bis mein Stift den Geist aufgab.
  Kurz war ich wütend, dann musste ich lachen. Ich hoffe es geht Dir gut soweit.

W. S.

Spätestens seitdem ich nicht mehr zu den Nutzern eines internetfähigen Mobiltelefons zähle, bin ich mir so endgültig wie schmerzlich meiner tiefen Dankbarkeit für das ungebrochene Bestehen des Faktums bewusst, dass es noch ältere Herren gibt, die man – vor allem in Großstädten, in denen man nicht selber lebt – nach dem Weg fragen kann. Eine Dankbarkeit, die weiterhin darin begründet liegt, dass ich selber zu großen Teilen bei meinem eigenen Großvater aufgewachsen bin, dessen absurde Nachkriegskinder-Pfennigfuchserei ich mittlerweile selber praktiziere, und durch die ich mich ihm irgendwie verbunden fühle. Im Folgenden ein kurzer Abriss der ökonomischen Säulen meiner Sozialisation:
  Tägliches und ausschließliches Essengehen in Möbelhauskantinen, jedoch nie ohne das Einlösen auch weit über den eigentlichen Gültigkeitszeitraum hinausgeschrittener, aus der wochenendlich im Briefkasten liegenden Gratiszeitschrift herausgetrennter Rabattcoupons. Oder die Inanspruchnahme des sogenannten ,,Sieben-Teile-Frühstücks'' in selbigen Kantinen (das aus einer beliebigen Kombination von sieben Teilen des Buffets bestand, beispielsweise vier Brötchen und drei Scheiben Fleischwurst oder eben andersherum), wobei man jedoch die Wurstscheiben feinsäuberlich im Brötchen versteckte, aus welchem man vorher unauffällig das Innere herausgepult hatte und dann Wurstscheibe um Wurstscheibe hineinpresste, um sich, für dasselbe kleine Geld, den Wanst endgültig vollschlagen zu können. Ein weiterer Höhepunkt ist die Erinnerung daran, sich – beinahe volljährig – beim Asiaimbiss als Zwölfjähriger ausgeben zu müssen, um lediglich den Kinderpreis zu zahlen; woraufhin man dann die leichten Sachen nach unten und die schweren oben auf den Teller packte, damit alles schön nach unten drückt und man die Maximalmarkierung an der Kasse, beim prüfend starrenden Kassierer, unterschreitet und nicht etwa für einen Teller doppelt zahlen muss.
  Ich vermisse ihn wirklich, diesen wirren alten Mann mit seinem kranken Herz aus Gold.

Hanami III

Schlaflos durch die Straßen Bonns am Stolpern –
alles voll von grellen Kirschblüten –
begann Atlas zu Atmen und wuchs auf Weltengröße an.

Einsamsein

Schäden von früher scheinen auf,
verunmöglichen ein Einfach-Weiter-So.
Flüstern sie zumindest, spät in tiefer Nacht.

Donnerstag, 3. Mai 2018

Der Begriff der Nachhaltigkeit in Anbetracht des Seelenlebens zweier Bonner Bürger

Ich bin aus dem kleinen Heimatdorf nach Bonn gezogen. Bin, wenn man so will, der Stimme der Vernunft gefolgt, um – statt in verrauchten Kellerzimmern oder völlig breit, auf irgendwelchen Bänken – im Geist selber zu versinken: Das Philo-Institut als Therapeutencouchersatz.
Ganz einfach weil ich weiß wie sich Gottverlassen-, Ganzalleinsein anfühlt: Eine Kindheit festgeklebt im Wohnzimmer, eingehüllt in angebranntes Fertigdosenessen und sediert vom Free-TV verbracht. Und bis heute fühlen sich die immer gleichen Werbeclips irgendwie realer an, als der ganze Rest der sogenannten Wirklichkeit. Nur dieses eine, alles usurpierende, mich komplett fragmentierende Gefühl, das ist geblieben: Völlig in mir selbst versunken, Dornenkronenkönig meiner kleinen kranken Welt.
Und auch wenn ich nach außen hin, das wirre Innere verleugnend, mittlerweile wie ein ruhiges Wasser wirke – beizeiten sogar ehrlich lache – bleibe ich vom Wesen her, zumindest dieses Leben lang, prekär. Ein bloßes Partikel der Menge an kaputten, verwahrlosten Herzen, in denen Nacht für Nacht der Takt der Stadt pulsiert und pocht und zuckt, bis alles drückt und zerrt und zum Schreiben oder Saufen oder beidem zwingt. Der Kopf zum Bersten voll.
Und dennoch ist mir hier, in der ehemaligen Hauptstadt, wider Erwarten gleich ein ganzes Dutzend Anderer begegnet, an denen ich gewachsen- und die mich, warum auch immer, nehmen, wie ich bin, soweit es eben geht und sich nur manchmal, still für sich, denken, dass das alles schon sehr wirr wirkt.

Und ich kenne da diesen Typen, der es ein wenig schwerer, der, in dieser Stadt, nicht ganz so viel Glück, wie ich, vielleicht, gefunden; der mich am Bahnhof nach Geld gefragt hat. Dabei so herzzerreißend freundlich, kaum älter als ich selbst war. Wir sind dann ins Gespräch gekommen: über das Leben in Bonn – die Menschen – die Liebe.
Und ich kenne da diesen Typen, der dann irgendwann in meiner Bahnhaltestelle gepennt hat. Und wenn ich mitten in der Nacht oder morgens früh vom Feiern heim kam, dann haben wir von meinen Kippen geraucht und dagesessen; in der Winterkälte eingesunken, tief von dichtem Qualm umschlossen: Zwei Menschen, grundverschieden, doch letztlich beinah' beieinander: Zwei Bonner bei Nacht, die einfach irgendwie ein wenig eigen sind. Und so vergingen Wochen nächtlicher Gespräche.
Bis ihm beide Beine anfingen wegzufaulen und er erst am humpeln und dann lange weg war. Sodass ich mir schon Sorgen machte, um diesen furchtbar netten Typen, der so zart wirkt, wie ich selbst und dabei doch eigentlich ganz unzerstörbar. Dachte ich zumindest, ganz für mich, wenn ich nachts in meinem sich’ren Haus und unter meinem warmen Deckchen lag.
Und ich kenne da diesen Typen, der dann irgendwann wieder am Bahnhof rumhing, verändert, verwirrt, plötzlich auf Hilfe angewiesen.

Und heute – nachdem der Frühling kam und mit seinem alles durchziehenden, pinkfarbenen Kirschblütengewitter ungefragt die Innenstadt geflutet hat – sitzt er wieder, neben Menschen in kurzen Hosen, die Eis essend oder gut gelaunt gut gekühlte Biere trinkend durch die Gegend schlendern, in der schmalen Gasse, in der wir zum ersten Mal geredet und uns irgendwie, ganz vielleicht, ein klein wenig kennengelernt haben. Lächelt freundlich, fast wie früher, von seinem Rollstuhl aus in meine Richtung.
Und manch einer findet in der Stadt sein Glück – der andere verliert hier beide Beine. Jeder für sich so unerträglich einsam im eigenen Kopf. Nur für den einen, für den hat es so unendlich viel Wert und mehr Bedeutung, als man sonst wo findet, vielleicht zumindest ein paar Cent und ein paar nette Worte anerkannt zu kriegen.
Das sollte niemand hier vergessen.

Dienstag, 10. April 2018

Wir sind / klassenlos

Atlas Stigma brennt ihm in den Händen,
ist mit der Zeit zu seinem Fleisch und
Blut geworden. –
Der von Anfang an Verstoßene.

Die Straßenbahn kriecht durch die Stadt,
in der der Frühling hektisch zuckt;
Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster,
bedecken Wachsmaskengesichter:
Alles flackert rot und weiß und schwarz und schmiert,
bunt blinkend, blitzend, im Augenblick
verschwindend, allzu fieberhaft verträumte Bilder
auf die Leinwand dieses Nachmittags.

Und plötzlich platzt sein Wolkenschloss,
sodass er, aus wirren Phantasien fallend,
ungefragt und unbeholfen,
Bestandteil dieser Szene wird;
nackt, gerupft und glitschig auf den
dreckverschmierten Boden schmilzt.

Der Rest der Welt indes läuft ungerührt
in Richtung immergleiches Nichts;
alles äußere vernichtend,
als die Maschine, die er ist.
Und so zeigen sich die Blicke,
wie auf Webteppichen fließend,
tiefe Furchen in die Welt reinschneiden:
Das unverwandte Starren, mit dem sie ihn betrachten,
seitdem sein kranker Geist sich dreht.

Und Atlas badet in dem Augenmeer,
lässt sich kraftlos treiben,
von dem Rattern und Flackern und Zucken und
findet sein Zuhause, für einen Atemzug,
im Bewusstsein der Wahrheit,
dem Schicksal des Fremden,
im wohlig warmen Einsamsein.

Mittwoch, 7. März 2018

Ich möchte ein Eisbär sein

Alles fühlt sich an wie Weihnachten.
Die Industrieschornsteine Wesselings zieh'n rot-blinkend am Zugfenster vorbei
und die Welt ist golden, gut und schön.
Der Żubrówka wärmt von innen und meine
heißgeliebte Wassernymphe lächelt mich verstohlen an.

Ich selbst hätte dagegen gewettet:
Eine Person zu werden,
ein Leben zu leben.
Ein gutes.

Text mit dem provisorischen Titel ,,Münsterplatz''

Atlas schlendert gemächlich durch das nächtliche Bonn. Die Laternen leuchten golden, der Wind zieht scharf an seinen abstehenden Ohren entlang. Ein Pärchen kommt unbeholfen um die Ecke gestolpert, eng umschlungen, Arm in Arm. Er, mit zurückgegeltem schwarzen Haar; sie, blond, in beigefarbenem Mantel. Beide stark betrunken, mit rötlichen Gesichtern, bleiben vor dem Starbucks stehen. Kichern sich etwas zu ostentativ, als dass es noch authentisch wär', verliebt (oder ähnlich) an. Verschmelzen widerwärtig mit der Mittelmäßigkeit, die sie umgibt. Atlas sieht endlich seine Chance gekommen, ext hektisch den letzten Schluck von seinem schalen Bier und tut einen beherzten Schritt auf beide zu. Er holt tief Luft und setzt dann hilflos stotternd an: ,,Vvvverzeeihung...?'' Die Frau schaut verwirrt, enttäuscht, entsetzt. Der Mann erbost, stumpf.
  Schweigen.
  Irgendwo wird ein Fenster geschlossen, in der Ferne beginnt schrill eine Pkw-Alarmanlage zu lärmen.
  Atlas kniet sich langsam auf den Boden und beginnt hemmungslos zu schluchzen. Tränen tropfen alles voll. Der Mann wendet sich angewidert ab, die Frau versteckt verschreckt ihr hübsches, überschminktes Gesicht in ihrem Schal und Mantelkragen. Plötzlich beginnt Atlas, wie besessen, käferhaft nach vorn zu kriechen. Gibt dabei wütend gurgelnde Stöhnlaute von sich, deren Lautstärke sich von Altbaufassaden abprallend sinnlos potenziert. Er versucht mit irrem Blick das Hosenbein des Mannes zu erhaschen. Der tritt ihm unbeholfen auf den Kopf, wimmert dabei wie ein kleines Kind. Zerrt seine Begleiterin mit strengem Griff zu sich und schubst sie vor sich her, bis beide in der dunklen Nacht verschwunden sind. Schreit noch wütend ,,Wichser!''
  Atlas dreht sich auf den Rücken, spuckt Blut und Speichel auf das Kopfsteinpflaster und starrt lächelnd alle Sterne an.
  ,,Na also, geht doch.''

Samstag, 3. März 2018

Erinnerung

Es ist Silvester 2000.
  Durch die von der Wärme beschlagenen Wohzimmerfensterscheiben sieht man Feuerwerkskörper bunte Schlieren in die Nacht rein malen. Eine vereinzelte Rakete steigt langsam auf, explodiert, und tausend blutrote Splitter fallen kreisrund zu Boden. Wieder und wieder explodierend. Alles bunt und hell und neu.
  Vorhin hat mein Großvater mit einem illegalen Polenböller ein beträchtliches Stück der Einfahrt weggesprengt und es gab dinosaurierförmige Chicken Nuggets zum Abendessen.
  Im Fernseher, der immer läuft, läuft eine deutsche Komödie von und mit Otto Waalkes
  Der Kamin lässt Holz verglühen und füllt den Raum mit Wärme. Es riecht nach Rauch, glaube ich. Irgendwie beruhigend. Ich spüre die endlose gebirgskettenartige schwarze Ledercouch weich unter meinem kleinen Rücken, eingewickelt in einen aus dutzenden Decken bestehenden Flauschberg. Dicht an mir liegt mein Bruder, umarmt mich fest, und starrt mich mit seinen braungelb leuchtenden Augen an wie eine Lichtgestalt.
  Die Zeit steht still, auf ewig.
  Mein Großvater versinkt mit seinem dicken Bauch mehr und mehr in seinem noch dickeren Sessel. Verschmilzt: mit dem Zimmer, der Wärme, dem Leuchten – mit allem. Auf dem Kaminsims tickt beharrlich eine alte Uhr mit römischen Ziffern, die mich wütend, rasend, fassungslos,  macht, weil ich ihre Ziffern nicht verstehe. Auf dem kleinen Tischchen steht ein Porzellangefäß, prall gefüllt mit Kandiszucker.
  Der alte dumme Dackel, der – wie der Fernseher immer an war – immer da war, im Todesfall bloß  unauffällig ausgetauscht wurde, liegt stumm auf seinem Platz und genießt die Wärme des Kamins. Starrt mit altem weisen Blick ins immergleiche Nichts und ignoriert die Außenwelt gekonnt. Meine Großmutter trinkt, wie jeden Abend, ein Bier aus einer Dose, die bedruckt ist mit einem türkisfarbenen Muster, das aussieht wie eine bayrische Tischdecke, dessen Marke ich bis heute herauszufinden versuche.
  Ich habe das alles wirklich so erlebt.
  Danke Großvater und Großmutter, ich hoffe es geht euch beiden gut, in eurem Wohnzimmer, im gerade beginnenden Jahr 2000, in dem ich euch so gut wie jeden Tag besuchen komme.

Samstag, 23. Dezember 2017

Ein Text, den ich in derjenigen Tonlage vortrage, hinter der ich mich verstecke, wenn ich unsicher bin ob meines schriftstellerischen Talents und mich gänzlich darauf verlasse, dass die Leute mir manchmal sagen, dass sie einfach gerne meine Stimme hören

Die Dezembertage sickern vor dem Fenster ungehindert in den feuchten, kalten Boden, ohne dass etwas geschieht; oder sich die Möglichkeit ergäbe, innerhalb der Zeit des Wachseins auch nur halbwegs produktiv zu handeln:
  Ich liege viel in meinem Bett, mein Rücken tut mir weh, der Laptopbildschirm flackert.
  Bloß scheint es so, als sei der saisonal bedingte Sog des Nichts (oder sonstige an dieser Stelle zu verwendenden Floskeln, die man sich viel zu wenig dafür schämend aufs Papier schmiert, wenn man gar nichts fühlt und gar nichts denkt und daher auch nicht schreiben kann –
aber spontan, wie man halt ist, beschließt zumindest letzteres zu ändern; in der irren Hoffnung, dass sich ersteres dadurch –
warum auch immer – irgendwie zurück zum Guten wendet) so viel unerträglicher als sonst.
  In Wahrheit ganz einfach, weil mein Hirn, das alte Sieb, vergessen hat was früher war und mir jetzt sagt, es geht ihm schlecht –
so schlecht wie nie.

Indes: Der Grund, bedingt durch den jetzt – obzwar die Dinge an sich so unendlich viel erträglicher erscheinen als früher (ich zumindest nicht länger Tag und Nacht nackt und ausgemergelt in eine fremde Fratze starrend vor dem weiß verschmierten Spiegel stehe und böse zitternd in dem Nichts versinke, das aus meinen beiden schwarzen Augen schwappt) – die Unerträglichkeit des Daseins mich durchzieht, (womit sich unmittelbar der erneute Verweis auf oben benannte beliebige Floskeln anschließt, für die zu verwenden – wie ebenfalls bereits betont – ich mich nach so zahllosen Jahren des mittelmäßig Vormichhinlebens und halbherzig darüber Schreibens viel zu wenig schäme) liegt nun einmal eben darin begründet, dass das Heute in Wahrheit die Wahrheit des Gestern darstellt – und jenes dieses damit ganz in sich enthält – es widerwärtig potenziert hinterrücks aus sich entlässt – sodass, wenn man dumm, wie man halt ist, sich kurz – ganz kurz
auf der letztlich sich'ren Seite wähnt – man, wie es mir scheint, ganz unbedacht den eben unabdingbar teils in den Ärgernissen, Todesfällen, Katastrophen der Vergangenheit verwurzelten Grund des eig'nen Seins verneint.

Wie es mir scheint:
  Mir, dem ewig blassen dünnen Jungen, aus dem kleinen Dorf, mit den hellen blauen Augen, in denen alle – wirklich alle – irgendetwas zu sehen und zu finden glauben; der Junge mit dem Pisspottschnitt, der nur von Fernsehwerbung spricht, und in seiner wirren Phantasiewelt lebt; der wohl meist alleine war – darum bis heute kaum versteht, wie man die Außenwelt erfühlt – geschweige denn sich selbst –
doch mittlerweile erstmals zaghaft spürt, dass es ja wirklich so etwas wie Liebe gibt.
  Darunter vorerst furchtbar leidet; blutet, zappelt, zuckt und schreit.

Der Versuch mich einfach so von alledem hier freizuschreiben scheitert;
scheitert, weil er scheitern muss und scheitern will;
damit ich weiter schreiben kann,
meine Geschichte sich sich selbst erzählt –
damit der Stein zurück den Berg raufrollt, der Adler genug Leber frisst –
weil genau das in Wahrheit meine Freiheit, meine Stärke ist:
Dass das allerletzte Wort niemals gesprochen wird,
sich meine absolute Weltfremdheit, mein seltsam blasses Formlossein,
eben dadurch unentwegt ins Dasein schreibt;
und so mein scheinbar substantiell verlog'nes Wesen,
durch meine gänzlich herzgebroch'ne Ehrlichkeit, wirklich –
nichts als wirklich wird.

Sonntag, 26. November 2017

Ebbe & Flut II

Die Wohnung war völlig zugeschimmelt. Ich kann mich derzeit meistens nicht bewegen. Demnach habe ich dann einfach auf dem Bett gelegen und wie eigentlich immer – nur jetzt ein wenig vorwurfsvoller – die neuerdings pelzigen Wände angestarrt.
  Irgendwann war auch die Matratze angeschimmelt. Ich habe dann ein paar Wochen einfach weiter darauf rumgelegen. Und nur der Richtigkeit halber ist mein Kontostand im Minus, die Spüle voll mit dreckigem Geschirr. Meine Freundin sorgt sich mittlerweile etwas. Jemand anderes musste mir dann Geld leihen, und eine neue Matratze liefern lassen. Die alte liegt jetzt nutzlos in der Küche rum, versteckt in einem Glaspfandwald polnischer Bisongraswodkaflaschen.
  Irgendwann habe ich mich, gütig, wie ich zu mir bin, entschieden, zumindest wieder zu essen – und bin, halsbrecherisch über Gebirgsketten aus Unrat kletternd, böse schwankend, über den Flaschenwald hinweggestolpert – die zugemüllte Spüle erfolgreich ignorierend – und vorsichtig auf die alte Matratze geklettert, die jetzt vor dem Herd herumliegt, und auf der man stehen-, um zu kochen muss; was eigentlich ganz nett ist, da das leichte darauf Hin- und Herwippen einem als allerletzte Freude bleibt.
  Und auch wenn mein Denken derzeit stillsteht, mein Empfinden durchgefickt daliegt, lasse ich es mir nicht nehmen, mir in aller Seelenruhe ein paar Knoblauchzehen und rote Chilischoten in italienischem Bio-Olivenöl, mit sonnengereiften Cocktailtomaten anzubraten, um mich dann damit an meinen riesigen Holzschreibtisch zu setzen, und dort durch die große Fensterfront hindurch, über die wirklich wichtigen Dinge sinnierend, die still und friedlich in Reih- und Glied dastehenden Altbaufassadenreihen Kessenichs zu betrachten, und mir zu denken, dass ich in Wahrheit der klügste Mensch der Welt bin und die Dinge so unendlich viel besser mache, als all die anderen Idioten.
  Nur das Stechen in der Lunge, und die zwei-drei medizinballgroßen Ratten, mit den bösen roten Augen, die mich irre anstarren –
  die stören mich ein wenig.

Mittwoch, 22. November 2017

Sometimes Life get's fucked up

Mein Mädchen schaut mich traurig an, weil ich, wenn sie mich mal besuchen kommt,
schon wieder morgens völlig drauf im Bett rumliege
und verwirrten Schwachsinn stammle –
und ich saug' mir irgendwelche Gründe aus den Fingern,
dass das schon wieder aus Versehen wäre,
diesmal alles wirklich wirklich nicht so weitergehe –
lass' sie in meinen beiden blauen Augen tauchen,
bis sie, wie immer, wieder butterweich wird und mir sagt,
dass sie sich einfach krasse Sorgen macht.
Dann mach' ich ein paar Witze, dreh' die Wirklichkeit herum,
weil jeder insgeheim am Ende doch am liebsten glaubt, was irgendwie am besten klingt –
bis es so wirkt, als wüsst' ich, was ich tue, als wäre alles halb so wild –
und ihr schönes Porzellangesicht mit meiner Brust verschmilzt,
sie sich hektisch in mein bleiches Fleisch reinkrallt und
irgendwann dann leise atmend einschläft.

Und dann starre ich die Wände an und rauche Zigaretten,
lese Hegel, weil ich sonst nichts mit mir anzufangen weiß.
Hab's irgendwie zu meinem eigenen Klischee geschafft,
versinke zitternd in dem Bett, versinke zitternd in mir selbst.
Mein Therapeut sagt mir, wenn ich auf seiner Couch rumlieg'
Herr Vanitas, ihr Emotionserleben ist das eines fünf-jährigen Kindes –
und ich denk' mir, Schwachsinn Alter:
Alles eitel Sonnenschein, wenn du auf deinem fünften Ding bist.

Samstag, 18. November 2017

Schwer zu sagen

Ich komme kaum aus meinem Bett hoch – schaffe es dann doch.
Fahre in die Innenstadt, nehm' am sogenannten Leben teil.
Mitten in der Nacht bin ich hellwach und schaue traurig an die Wand.

Komische Nächte

Konstantin verlässt die Wohnung. Im Flur flüstert niemand mehr, nur vereinzelt fällt Licht durch ein Fenster. Jeder seiner Schritte sticht ins wundgereizte Hirn. Beim hinaus auf die Straße Gehen fühlt er sich wie als Kind, beim Ankommen am Strand, wenn der Anblick vom Meer plötzlich von ganz hinten nach ganz vorne schnalzt.
  Auf der Straße stehen Menschen und starren in den Himmel. Gänzlich wolkenlos, fast wie ein zweites Meer, liegt dieser einfach da. Konstantin setzt Fuß vor Fuß – bleibt trotzdem auf der Stelle stehen, versinkt im grauen Boden. Alles wirkt unerträglich hell, die ganze Welt beginnt zu Glühen. Er versucht sich festzuhalten, indem er hilflos in Gesichter blickt. Doch was er sieht, das hilft ihm nicht: Bloß ein grelles fieses Leuchten – alle Menschen werden Licht.
  Irgendwann dann lösen sich die Füße, und er stolpert schwankend vorwärts. Kriecht auf allen Vieren zu einer Bushaltestelle. Auf der orangefarbenen Anzeige steht: Nur noch fünf Minuten, dann geht's weiter. Er liegt für unbestimmte Zeit neben einer Frau mit Kinderwagen, vergisst beinah' zu atmen. Zieht sich dann unbeholfen an dem Wagen hoch und klettert umständlich hinein. Die Frau schaut ihn verwundert an, schüttelt langsam mit dem Kopf und sagt dann leise flüsternd: Bitte leg dich endlich schlafen, wir alle machen uns schon Sorgen.
  Die Sonne scheint und Vögel zwitschern. Konstantin ist recht zufrieden. Der Bus hat leicht Verspätung.

Montag, 13. November 2017

Am Fenster Rumstehen

Die Zugvögel fliegen kreischend Richtung Süden,
meine Traurigkeit zwinkert mir pervers von Innen zu
und am Mittag schlaf' ich meist für ein paar Stunden.

Glückliche Tage

Konstantin Alexander starrt die Wand an, während im Hintergrund der Kühlschrank brummt. Im Laufe des Tages haben sich Schweißseen auf seiner nackten Haut angesammelt. Vor dem Fenster tobt der Sommer, im Zimmer waltet Stille. Nur Von Zeit zu Zeit hört man Menschen im Flur flüstern. Der Holzboden der Wohnung ist durchzogen von blutigen Rotweinflecken und irgendwo in der Ferne dröhnt gedämpft die Hupe eines jetzt nicht mehr allzu schnellen Schnellzugs: Ein Mann mit Hut hatte vergeblich versucht, noch bei Rot über die Gleise zu laufen. Der Hut liegt jetzt ein paar Meter neben den Schienen, in einer Böschung – der Mann überall. Die Spüle ächzt unter verschimmeltem Geschirr, in der Ecke steht eine verwelkte Pflanze. Alles begraben unter einer dicken Schicht aus Staub. Das Konzept der Zeit kondensiert an der Scheibe und den Wänden und läuft langsam Richtung rotgeflecktem Boden. Die Zimmerdecke beginnt, bedingt durch das Drücken der Sommerhitze, zu kochen – wirft behäbig Blasen, eruptiert als Raufasertsunami ungebremst in Richtung Boden. Und auch der Boden löst sich auf, lässt wie die Lavalampen, die man einst als Kind betrachtete, langsam rotgefärbte, wildgeformte Blasen in Richtung Zimmerdecke steigen, sodass sich irgendwie – wie so oft in meinen Texten, und generell in meinem Denken – alle Dinge zu durchmischen scheinen: Die Hitze, der Staub, das Blut, die Einsamkeit.
  Und irgendwann einmal war da ein Gedanke, den Konstantin zu denken wollen glaubte. Auf der Straße vor dem Haus schlendert eine Familie durch die Sonnenstrahlen. Die Kinder schreien und rennen umher, der Vater trägt einen Bart, die Mutter ist blond, sonst nichts. Konstantin wird schlecht. Sein Magen scheint zu leer, sich zu erbrechen – entscheidet sich dann aber um und lässt, wie ein organischer Miniaturspringbrunnen, schwallweise Schaum aus den Mundwinkeln auf die Matratze sprudeln – der sich mit den salzigen Schweißseen vermischt, und kleine zarte Sturzbäche bildet, die dann in dem Blutrotweinozean münden, welcher wiederum lavalampengleich nach oben steigend, die gesamte brodelnde Zimmerdecke durchzieht.
  Alles voll von nackter Haut und Traurigkeit.
  Plötzlich erinnert sich Konstantin: Heute ist mein Geburtstag. Er zuckt kurz mit den Augen. Vor dem Fenster tobt der Sommer.

Freitag, 10. November 2017

Du (und ich)

Ich verstecke mich am Tresen vor mir selbst.
Das Handy klingelt und ich werde panisch.
Liege morgens früh um fünf alleine in der Wohnung.

Donnerstag, 2. November 2017

Herr und Knecht II

Noch immer stoß' ich täglich an die Grenze, wenn der Verstand auf Schranken prallt,
das Herz sich überfordert zeigt.
Trau' mir quasi gar nichts zu, brauche eigentlich bei allem Hilfe –
doch bin dafür meist zu stolz, poche stumpf und stur auf meine Einsamkeit –
red' mir ein, der Schwachsinn hier sei Freiheit:
Alleine in der Wohnung sitzen, das Handy ausgeschaltet, die Wände stumm und weiß.

Mir war das Schreiben einmal Tor zur Welt, als ich vergessen hatte, wie man lebt.
Heute läuft der Alltag, irgendwie, doch immer noch mehr schlecht als recht –
das Erwachsensein lässt auf sich warten:
Keine Arbeit und kein Geld, noch immer viel zu oft besoffen, quäl' mich mittags aus dem Bett.

Doch wenn ich dann im beinahe leeren Bus durch die ruhige Herbst-Stadt rolle,
warum auch immer einfach kurz friedlich aus dem Fenster schaue und
für ein paar Atemzüge sehe, wie sich die Novembersonne
durch den klaren Himmel, fallendes Laub und bald schon kahle Bäume
schneidet – sich alles auf der Welt und in mir drin, beinahe wie von selbst,
in goldenbraun vermischt –
dann ist mein Sklavendasein unbedeutend, dann denk' ich mir, das wird schon wieder –
irgendwann.

Montag, 30. Oktober 2017

N. G.

Verzeih mir bitte, aber Du musst kurz dafür herhalten, in diesen Text hier – vielmehr das Schreiben selbst – einzusteigen, weil der Blick nach Innen mich noch immer stark zum Würgen zwingt; die Worte, die ich von dort hole, vor Erbärmlichkeit verblassen; Stift und Papier mir unverändert fremd erscheinen – und Du mir Freitagnacht betrunken sagen wolltest, dass wir ja so etwas wie Freunde sind. Von daher danke dass Du da bist, mir als mein Anderes zur Seite stehst, mich beizeiten aus mir selbst und zurück in diese Welt raus ziehst. 
  Es warst zufällig Du, der mich dazu motivierte vor die Tür zu gehen, sodass es sich ergab, dass ich am Sonntagmorgen, in meinem grauen Mantel und den abgewetzten Lederschuhen, auf der Steintreppe des Bonner Lochs rumstand und in den schwarzen Himmel starrte. Zwei Bäume ragen dort nach oben. Es fuhren keine Bahnen mehr. Im Bahnhof hingen oder lagen oder saßen Jugendliche auf orangefarbenen Plastiksitzen. Und der Drang ist groß, jetzt abzuschweifen und zu schreiben, dass sie alle gleich aussahen, für mich nichts waren, als ins Gesicht gezogene Nike-Kappen und ein paar teure Turnschuhe, in engen Trainingshosen; und die Mädchen stark geschminkt und laut; und ich würde gerne schreiben, dass ich das trotz allem als fürchterlich vital erachte; dass ich finde, dass diese bleichen Gesichter, die vereinzelt in der Nacht aufblitzen, deren überraschtem Blick man ansieht, dass der Konsum von harten Drogen ein denkbar dummes Hobby ist, eine Art absurden Pulsschlag bilden – einer Stadt, die in sich selbst versinkt; golden leuchtet; friedlich schweigt.
  Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie ich auf diesen Stufen stand und dann der Sturm kam und die Äste schwankten und ich in den Himmel glotzte; und das Licht des riesigen Baukrans alles in einen hellen, konzentrierten Kegel tauchte, der sich, mit den irgendwie neulich aufgetauchten Graffitis – oder was auch immer der korrekte Begriff für die Bilder ist, die jetzt überall im  Eingangsbereich des Bonner Lochs auf den Wänden und dem Boden sind – vermischend, das Herzen Bonns als leere Bühne scheinen ließ.
  Ich habe mir Zeit genommen. Ich habe dort gestanden und etwas empfunden. Und auch wenn ich mich gerade noch verrenke, die Finger bloß gemächlich und gesittet in die Tasten tippen, kaum Rechtschreibfehler produzieren – anstatt wie sonst, in einem wilden, wirren Hacken ein Meer aus durcheinander gewirbelten Worten über den Bildschirm zu jagen; ich mich also, man könnte sagen, noch am Aufwärmen bin; ganz vorsichtig, ganz zaghaft erste wackelige Schritte wage – ich mir doch trotz allem bewusst bin, dass das Schreiben halt zu mir gehört; gierig in mir wartet, mich langsam in die Zeichen drückt – und schon allzu bald verschluckt.

Samstag, 7. Oktober 2017

Oktober

Die Liebe zu meinem Mädchen zieht mich zurück auf den Boden.
Das Erwachsenwerden brennt im Kopf.
Ein Grab mehr, gefüllt mit einem jungen Menschen – alles unerträglich.

Montag, 11. September 2017

Jahrmarktdepression

Der Kühlschrank voller Wodka brummt,
auf dem iPod läuft laut Prezident
und meine kranke Seele schreit nach Blut.

Gleich bist Du seit drei Jahren tot,
und ich sauf' mir meinen Magen krank,
starre stumpf und dumpf ins Nichts.

Und seitdem ich beinahe nichts mehr mehr zieh',
kann ich kaum noch Texte schreiben –
füg' mir für jede Zeile Schmerzen zu.

Das bunte Riesenrad dreht sich im Kreis,
zerschneidet fauchend Mond und Sterne.
Mein Bruder schaut mich fragend an.

Und alles, was ich sagen kann, ist:
Danke, dass Du da warst –
denn ohne Dich wär' ich nicht hier.

Kindheitserinnerungen, schwermutgeschwängert, bäumen sich auf.
Die zuckersüße Kassiererin beißt sich auf den Lippen rum.
Im Hintergrund läuft Schlager – und alles riecht nach Zimt.

Sonntag, 10. September 2017

Spätsommer

Entweder ich hab' Panik vor der Nüchternheit – oder Panik vor dem Rausch.
Der Wodkakater brummt im Schädel, sonntagmorgens in der Küche,
Pfannekuchen bratend – meine Najade rollt sich derweil engelsgleich im Bett herum.

Donnerstag, 7. September 2017

Sei eine Person und respektiere die anderen als Personen

Irgendwo zwischen Hegels Sittlichkeit – und Pepreste vom Spiegel Kratzen,
wühl ich gelangweilt und verzweifelt im ewiggleichen Schwachsinn –
und weil ich sonst nur übers Saufen oder Rumhuren schreibe,
fällt mir grad nichts rechtes ein:
Viel zu sehr durchs Dasein bestimmt, um wirklich freier Geist zu sein.

Häng' verkatert auf der Bühne rum, stammle kreidebleich ins Mikrophon;
Lieg in Spanien am Strand, starre stumpf die Wellen an;
Kleb' verwirrt im Redaktionsraum fest, hacke lustlos auf die Tasten.

Bin trotz allem dankbar für das halbe Dutzend Irrer,
das nach allem diesen Quatsch hier sonntagmorgens liest –
halbtot im verqualmten Zimmer wesend,  leere Wodkaflaschen überall,
und sich denkt: ,,Danke, denn so denk ich auch.''

Beizeiten blinde Panik, dass mich mein Feierschaden doch noch drankriegt:
Die Magenschleimhaut löst sich ab, die Lunge dröhnt und pfeift.
Der Vollmond sticht mir in den Kopf – die Straßen voller Laub.

Freitag, 25. August 2017

Trotzdem Ja zum Leben sagen

Viktor Frankl hat mir beigebracht: Die Liebe selbst hängt nicht am Leben:
Ihr seid alle noch bei mir, macht mich erst zu meiner selbst.
Denn da waltet immer dieser Hintergrund:
Die Vernunft, der Geist – von mir aus Gott – oder eben Liebe;
schlichtweg das Substantielle, manchmal scheint es auf.

Mittwoch, 23. August 2017

Weltschmerz

Die Kids haben ihre letzte Woche Sommerferien, und mir tut's ehrlich leid für's schlechte Wetter.
Und ich hab' noch immer meine Schwierigkeiten mit der sogenannten Wirklichkeit:
In der sich dieser furchtbar nette Typ, kaum älter als ich selbst,
in der U-Bahnhaltestelle stehend, Heroin in seinen Schwanz rein spritzt,
weil beide Beine ihren Geist aufgaben;
die junge, dumm daherschratelnde, strohblonde Hure,
mit ihren schiefen Zähnen, von ihrem zugekoksten und
versoffenen Freier, der wirr lachend vor sich hinlallt,
in etwa so lustlos getreten wird, wie ein Kieselstein am Wegesrand;
und endlose Ströme betrunkener Mädchen wasserfallartig die Bahnhofstreppen hinabstürzen;
verzweifelt kreischend entzweigehen.

Apathisch in der Stadt Rumsitzen und hastig viele Biere trinken,
dabei, wie besessen, in irgendeiner irren Hoffnung, große dürre Mädchen,
mit schwarz geschminkten Augen anstarren und hoffen, dass irgendwas passiert –
mittlerweile quasi Therapieersatz.
Trotz allem: weitermachen, irgendwie: Mensch sein – und werden – und bleiben.

Dienstag, 22. August 2017

Atlas und die Nymphen

Als Du auf meiner Brust liegend eingeschlafen bist
Und mir halblaut zugeflüstert hast, dass Du dich bei mir sicher fühlst,
Da musste ich an früher denken – und war kurz ein bisschen glücklich.

Sonntag, 20. August 2017

Halb so wild

Irgendwo in Köln – dann also doch wieder Kokain.
Die Stadt zieht stumm und vorwurfsvoll am Zugfenster vorbei.
Noch immer auf der Suche nach dem Substantiellen:
Der verzweifelte Versuch ein guter Mensch zu sein –
Trotz allem.
Und selbst wenn mein Herz in Scherben liegt,
Liege ich in meinem Bett, starre stumpf die Wände an;
Schlecht gedrehte Zigaretten rauchend,
Ein bisschen daran denkend,
Dass Du mir immer wieder sagst:
Es ist schon okay so, wie du bist.
Also danke, altes Haus, denn ohne Dich wär' ich allein.

Dienstag, 1. August 2017

Herr und Knecht I

Stark verkatert, stark verklebt, schlagen zaghaft sich zwei Augen auf
und starren stumpf die Zimmerdecke an;
werden unvermittelt, unbarmherzig, vom kalten Grau der Wände zugeschlagen.
Wünschen trüb und müde sich, diesen Kampf ganz einfach aufzugeben –
schaffen's doch nicht, schaffen's nie; verdreh'n sich zitternd, ganz in Weiß.

Der bleiche, dürre Körper hieft wacklig sich auf Beine,
wankt schwankend durch die Wohnung, kocht sich mechanisch Tee.
Hasserfüllter Blick im Spiegel, Magensäure in der Kehle;
Kopfschmerz bohrt durch Nervenenden, strahlt die Wirbelsäule lang.
Beim Kleidunganzieh'n fluchend auf den Boden fallen und noch leise zischend fluchen:
Morgen hör' ich wirklich auf.

Freitag, 14. Juli 2017

M. B.

Meine kleine verwirrte Najade zieht mich zu sich in den Teich:
Mit ihrem traurigsüßen Blick und diesem schmerzhaft schönen Lächeln;
der viel zu großen Nachsicht für allen meinen Schwachsinn.

Mache ich auch sonst ein riesiges Theater um meine hochgelobte Einsamkeit,
bin ich plötzlich wie entwaffnet; aus Versehen butterweich –
Selbstschutzmechanismen räuspern sich nervös im Hintergrund.

Und ich bin mittlerweile ehrlich dankbar für die Bücher, für den Tee, und meinen Holzschreibtisch;
für Gustav Mahler, meine Räucherstäbchen und das Bier
und dieses eine wundervolle Mädchen, dessen Wohlergehen mir derzeit –
und auch weiterhin (Nachtrag Juni 2018) –
scheinbar einfach nicht egal sein kann.

Sechstes Semester

Die Eule der Minerva wird ungeduldig mit den Jahreszeiten, scharrt hektisch mit den Krallen;
kündigt das Ende eines Lebensabschnitts an.
Und bevor sie ihren Flug beginnt, versuche ich, so gut es geht, die Stadt, in der ich bin,
zu katalogisieren, in Gänze zu verstehn;
die neu gefund'nen Freunde – trotz immergleicher Axt im Kopf – als solche wertzuschätzen.
Ehe jeder seiner Wege geht, wir alle ganz erwachsen sind.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Schon wieder mit Fahne in der Universitäts- und Landesbibliothek

Alles in die Ledertasche eingepackt
In der Bahn dann doch gemerkt – unbedacht den Stift vergessen
Du dummer, nutzloser Idiot
(Und plötzlich ist da wieder dieser riesen Schmerz)
Kein Stück Selbstwert in der Seele – Hauptsache das Jackett sitzt gut.

Aufgrund versehentlicher Nüchternheit zeigt sich mein Leben mir in Gänze
Als nicht zu füllendes Gefäß
Beziehungsweise fällt mir halt nichts ein – außer vielleicht Bier
Darum dann Richtung Stadt

Hacke hektisch Texte in mein Handy, in der beinahe leeren Straßenbahn
Sitze trinkend auf der Parkbank rum, gaffe hübschen Teeniegören hinterher.

Ein schwüler, regnerischer Sommer – Bonn versinkt im Grau
Ich dagegen in der Frage:
Verläuft das Leben auf ein Telos, oder doch nicht eher arbiträr?
Heute dann wohl letzteres, in mich läuft nur das Bier.

Schreibe erst mit einem neu gekauften Rewe-Bleistift in meinen überquellenden Kalender
Dann in der blöden ULB, an einem der PCs
Und irgendwie drängt sich die Frage auf
Was zur Hölle machst du hier?

Donnerstag, 6. Juli 2017

Trying to remember - trying to forget II

Jetzt sitz' ich musterschülerhaft, gelangweilt und stocknüchtern in dieser riesen Altbauwohnung, an deren Wänden schöne Bilder hängen, und fühl' mich irgendwie erwachsen; bin aus dem endlos langen Jugendalbtraum wohl, wie es scheint, vorerst halbwegs heil herausgewachsen.
  Trotzdem kreist das Denken noch manchmal um die Ex, manchmal um das Pep – beides mir mittlerweile gleichermaßen fremd – wie aus einer andern, wirren Welt – wie nicht von mir erlebt.
  Und wenn die Sommersonne hoch am Himmel steht, ich nichts böses ahnend so mein Leben lebe, blitzt beizeiten unwillkürlich auf, dass das alles doch einst Ich gewesen bin: Kollabierend unter Brücken hängend, sich selbst im Spiegel nicht erkennend, alles voll von Blut.
  Heute kann ich ehrlich lachen, sodass die Falten im Gesicht sich freundlich kräuseln – ganz einfach weil ich weiß, das alles musste halt so sein, hatte alles seine Richtigkeit; macht letztlich meine Freiheit, und ja, auch meinen Frieden aus.
  Auch wenn viel zu viele Jungs von früher mit den Jahren was auch immer wurden – hoffnungslose Kinder uns'res kleinen Heimatdorfs, wo man mit vierzehn Jahren schon am absoluten Nichts zerbricht; sich irgendwie Sinn suchend in der Großstadtnacht verliert; oder schwarzäugig auf der immergleichen Parkbank sitzend, durch die dicken Sonnenbrillengläser in Richtung Sonnenaufgang starrt, während der pubertäre Sound aus Deutschrap über Handyboxen und laut zischendem Billigdosenbier kurz – viel zu kurz – auf jede Frage eine Antwort weiß.
  Trotz allem bin ich dankbar für die Zeit: nichts war mir je und wird mir je so wichtig sein. Auch wenn wir, wenn wir uns morgens in der Disco seh'n, uns beinah' auf die Fresse hau'n – ganz einfach weil diese Art zu leben ganz selten nur ein gutes Ende nimmt.
   Und während die Stadt vor dem Fenster in der Dunkelheit wie eingefroren scheint, kritzel ich eilig ein paar Zeilen aufs Papier – versuche mich, so gut es geht, an alles zu erinnern; will nichts von alledem vergessen – will, so gut es geht, das Sein an sich zu schätzen wissen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Der Status Quo der Jugend: Ein kleines Vorsommer-Drama

Neulich, durch unbarmherzigen Frühlingsregen einen ganzen Nachmittag im Uni-Innenhof gefangen, aus Langeweile Kette rauchend, kam das Gespräch – wie auch immer – auf das, was jungen Menschen wichtig sei: Deren Werte und Ziele.
  Und es fällt mir derzeit (oder schon immer) unangenehm schwer von mir selbst abzusehen. So gerne ich auch einfach über’s große Ganze schriebe – die wirklich wichtigen Dinge, die hier und dort am walten sind – dreht sich der Blick ja doch nur wieder nach innen – formen die paar Worte, die nach so langer Zeit des Schweigens sprudelnd aus mir herausschwappen, doch nur wieder diesen einen Satz: Es fällt mir unangenehm schwer von mir selbst abzusehen.
  Trotzdem zwinge ich mich den Gedanken fortzuführen: Die Werte und Ziele der Jugend.
  Was mich als erstes überkommt ist ein untragbares Gefühl von Mutlosigkeit: Niemand traut sich mehr er selbst zu sein – es ist verpönt ein Ich zu sein. Familien mittlerweile völlig obsolet: Der Vater eine Witzfigur, die Mutter hinter einer Wand aus weingetränktem Selbstmitleid. Beide vor dem Fernseher, halb hinhörend, schräg wegguckend, das Kind ermahnend, bloß den geraden Weg zu geh'n.
  Und niemandem kann man einen Vorwurf machen: Der junge motivierte Lehrer, spricht von Goethe und von Hitler – streift dabei nicht mal im Ansatz, die Schönheit der Sprache; die Leiden von Auschwitz. Streift noch viel weniger den Versuch, jungen Menschen beizubringen, sich selbst als Ich in dieser wirren Welt zu sehen. Streift höchstens mal den Brustansatz der traurig austauschbaren Model-Imitate, während Heidi Klum ungestraft (!) per Volksempfänger propagiert: Du musst bloß genug Kotzen; bloß für jeden Dreck zu haben sein – und schon bist du ein Mensch. Auf derweil völlig-entfesselt-bunt-blinkenden Social-Media-Kanälen entblößen unbeholfen, volltätowierte, ewige Kinder, mit aufgespritzten Lippen, ihre kleinen bleichen Körper, für ein paar digitale Daumen: Die Trias des Alles-Könnens, Garnichts-Müssens und Absolut-Beliebig-Seins.
  Als zweiter Begriff bedrückt mich der vom Kollektiv oktroyierte Zwang zur Selbstverleugnung: Hat man diese erste Phase per se nicht ernstzunehmender Eltern, seltsam blassen Lehrern und medial vermittelter Totalpsychose irgends überstanden, wird als vermeintlich mündiges Wesen in diese Gesellschaft angeblich Freier und Gleicher entlassen, stellt sich nun so endgültig, wie dringlich die Frage: Was tun mit sich? Zaghafte Möglichkeiten ungekannter Selbstwirksamkeit täten sich auf, kurz nach dem ersten Abebben des traumaartigen Schocks tatsächlicher Möglichkeit wirklicher Freiheit. Stattdessen: Australien oder Neuseeland? Thailand oder Laos? Ketchup oder Mayo? Es ist so schmerzhaft irrelevant. Kein von Papa gesponserter Backpack-Trip der Welt kann eine bis zur Unkenntlichkeit deformierte Seele zurück in etwas Ganzes wandeln.
  An dieser Stelle der platte Verweis, die alte Floskel vom Fluch der Unversehrtheit: Wer den Bruch längst in sich trägt, der braucht ihn nicht zu konstruieren. Ein noch so vorahnungshaftes Bewusstsein der Widersprüche dieser Welt, der Widersprüche seiner Selbst, garantiert wohl mehr oder minder den sicherst-möglichen Schutz davor, als 500.000-Follower-Instagram-Account zu enden: Vor einem balinesischen Wasserfall, auf einer Felsenklippe stehend; einen großen weißen Schlapphut, dazu ein keck den anorektisch-mädchenhaften Rücken umspielendes Kleid, ebenfalls in weiß, tragend. (Und damit unfreiwillig komisch jeden noch so arischen Übermensch*innen Traum in den Schatten stellend.) Das entweder clownesk, oder aus vermeintlich feministischen Motiven gar nicht erst geschminkte Allerweltsgesicht – das zurückgebliebene kleine Mädchen kreischend beneiden, und auf das Jungs allen Alters hektisch onanieren – gekonnt-gespielt in Richtung Horizont und Sonnenuntergang gewendet; mit dickem grünen Strohhalm aus einer Bio-Kokosnuss schlürfend, während die trotz tropischem Klima perfekt geglätteten, endlos-langen, deutsch-deutsch blonden Haare, wie in Zeitlupe eingefroren, im lauen Sommerwind daherwehen. Dazu als Bildtitel ein unerträglich geistloser Schwachsinn wie ,,don’t worry, be happy’’ oder ,,just be yourself’’ (,,just kill yourself’’ – auf jeden Fall irgendetwas mit ,,be’’ und absurden Versprechungen oder Forderungen an die armen Unterdrückten im Titel tragend) und zehn Millionen Kommentare, der schönste Mensch der Welt zu sein.
  Der schönste Mensch der Welt: Ein mutloses, unmündiges, sich auf seiner scheitern müssen- und scheitern sollenden Selbstsuche unbeholfen selbst verleugnendes, ewig-kindliches Wesen, von stumpfer, kalter Tragik, das das genauso unausweichliche, wie nicht mehr allzu ferne Ende der gesamten Menschheit schon ganz in sich enthält.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Kurze Vorrede

Man wird so seltsam sprachlos, wenn man nichts mehr hat, an dem man sich abarbeiten kann. Flüchtet sich in die Probleme der andern, die einem, streng genommen, ganz egal sein könnten. Der sich sonst selbst zersetzende Geist befällt begierig sämtlich Vorgesetztes – Negativität weiterhin der Motor jeden Fortschritts.
Seit drei Monaten keinen Stromanbieter und nicht im dystopisch das Stadtzentrum verdunkelnden Stadthaus umgemeldet. Im Briefkasten gelegentlich gelbe Briefe mit wirren bösen Worten. Irgendetwas von bis zu zehntausend Euro Strafe. Manchmal bizarre Paranoia, für meine faule Traurigkeit bei Wasser und Brot im Kerker zu landen. Und trotz allem ergibt all das einen eher dürftigen Plot für ein noch so kleines Vorsommer-Drama.

Mittwoch, 7. Juni 2017

,,Alles gut bei mir, ich leb' meinen Jugendtraum''

Im Vollmond den Baum ankotzen hat ja auch irgendwie was Magisches
Jetzt mit zweiundzwanzig wirkt alles seltsam ruhig, wie in Zuckerwatte eingepackt –
Die Straßen Bonns wie schlecht gemachte Filmkulissen, mein Spiegelbild verzerrt.

Dienstag, 6. Juni 2017

The Past will catch you up as you run faster

Nicht dass ich irgendwie ein echtes Ich-Gefühl entwickelt hätte, doch wenn ich manchmal wieder in der grellen Mittagshitze auf dem abgekauten Zahnfleisch Richtung Heimat krieche, drei Tage regungslos im vollgeschwitzen Bett rumliege – die Gedanken voll von Blut und Kotze – dann fällt mir auf, wie seltsam fremd mir diese Welt geworden ist, wie wenig Ich für mich in ihr verborgen liegt.
Schreiben ergibt derzeit kaum noch Sinn, so traurig das auch klingt. Aber es geht halt einfach gerade weiter. Mein hochhaushohes Glaskristallego schiebt mich unbarmherzig vor sich her, ruht dabei dennoch als Koloss im Zentrum meiner Welt.
  Lächelt manchmal traurig hübsche Mädchen an – und liebt am Ende nur sich selbst.

Samstag, 27. Mai 2017

Happy Birthday to Myself

Und ich bin mittlerweile gar nicht mal mehr wirklich einsam. Liege, trotz aller guten Vorsätze, morgens früh in meinem Bett herum. Zigarettenrauch durchzieht die Wohnung. Golden leuchtet die Ikea-Lampe. Die Sicht verschwommen, beide Rollläden ganz unten. Und manchmal guck' ich doch noch hektisch auf mein Handy, in der wirren Hoffnung, dass sich jemand bei mir meldet. Mir betrunken – oder was auch immer – suggeriert, man sei niemals wirklich ganz allein.
Meine Selbstgenügsamkeit bäumt sich auf und geht entzwei. Vorhin, durch die Innenstadt wankend, erhob sich stumm das halb zerfall'ne Bahnhofsgebäude vor dem grellen Sichelmond. Und Du hast Dich über mich gewundert, weil ich meinte, ich hätte einfach diese rauschhaft-schöne Sicht auf alle Dinge und auf alle Menschen; die mich, wenn ich ehrlich bin, wohl meist vor schlimmerem bewahrt.
Und ich spreche trotzdem mittlerweile mehr darüber, wie ich fühle, was ich für wirre Dinge denke.
So absurd versunken in mir selbst, unangreifbar, ganz allein. Und es ist so unerträglich dumm, doch im Nachhinein tut es mir leid, Dich nicht genug geliebt zu haben.
Ein paar Vögel zwitschern leise, die Stadt wacht langsam auf. In der Wohnung über mir stampft jemand rum. Das Laptop-Display blendet. Ich muss mich selbst zum Schreiben zwingen.
Meine Kälte artet aus – manchmal hab' ich Angst vor mir.

Dienstag, 16. Mai 2017

Vorsommer VIII

Schon wieder abends weggewesen, schon wieder morgens dann verschlafen:
verwirrt wälze ich mich ein paar Stunden im endlos breiten Bett herum;
kämpfe don-quijoteisch an gegen grellen Sonnenschein und schrilles lautes Vogelzwitschern.

Stehe irgendwann dann, spastisch zitternd, auf, rutsche, kraftlos fluchend, auf dem Perserteppich aus –
liege rücklings auf den Fliesen rum, starre stumpf die Zimmerdecke an:
durch die Fenster flutet Licht die Wohnung, der blaue Himmel sticht mir in die Augen;
die Allergie lässt meine Nase laufen und direkt vor dem Haus parkt der endlos
lange schwarze Wagen einer sich laut in einer mir fremden Sprache anschreienden Großfamilie,
die – warum auch immer – auf dem Bürgersteig zu campen scheint
und mich befremdlich anstarrt, während ich diesen Text hier schreibe,
ihn, an meinem Schreibtisch sitzend, leise flüsternd für mich selbst vorlese.

Zwei unangenehm deutsch aussehende alte Damen gehen in geblumten Blusen
vor dem Fenster lang;
die Sonne spiegelt sich im hässlich-gelben Auto auf der andern Straßenseite;
laut ratternd rast, wie alle fünf Minuten, der LKW des Schrotthändlers vorbei –
würde mich einfach gern verstecken – mein armes krankes Hirn.

Vorsommer IV

Der kalte Schmerz des Daseins:
Angewidert zucke ich zurück vor dem penetrant sich wieder und wieder
aufbäumenden Pathos, der so herrisch wie stumpfsinnig in jeden meiner Texte spuckt.
Ich schriebe gerne klar und gänzlich ohne Kitsch;
doch wenn ich plötzlich vor dem irre dreinblickend aufblitzenden Spiegelbild, das ja leider wirklich Ich sein muss, versplittert funkelnd in den vielen Fensterscheiben vor dem großen braunen Holzschreibtisch, erschrecke,
mich kurz beschämend ekelnd hektisch unterm Stuhl verstecke –
und mich selbst dort zwischen all meinen Dämonen quetsche,
die mir, wenn ich ehrlich bin, über all die vielen Jahre
irgendwie ans Herz gewachsen sind –
vertreibt doch deren wirres Murmeln von Zeit zu Zeit die Einsamkeit –
fällt es mir unerträglich schwer mich nicht erneut in den sprachlichen Schwachsinn,
die kindlich aufgebauschten, dramatisch überspannten semantischen Spielereien,
die seit je – auch jetzt – verlogen sind, bloß leeren Raum mit falschen Worten füllen – zu flüchten,
die mir seit der Hälfte von zehn Jahren ein kleines bisschen Ich zu sein erlauben,
einen Atemzug lang etwas jenseits dieser kranken Welt und dieses schrägen Selbsts zu denken.

Vorsommer II

Ständig ärgere ich mich über mich selbst, weil ich schon wieder zu warm angezogen bin. Morgens wach' ich zu spät auf, verpasse Vorlesung und Seminar: Dunkle Träume hallen Stunden nach; doch das letzte Jahr des Studiums fühlt sich seltsam heimisch an:
In der Innenstadt werde ich oft gegrüßt, lache nett und nicke kurz.

Auf der Hofgartenwiese liegend, mit dem Grün des Gras verwachsend,
lässt meine Allergie die Augen jucken und Mückenschwärme tanzen wild.
Eine leere Flasche Bier liegt neben meinem Rucksack rum;
ein paar blonde Mädchen kichern blöd und strecken ihre Arme.

Die Altbauten auf dem Weg nach Hause ragen schweigend in die Nacht.
Ein Mann zieht hektisch seinen Koffer; meine Schnürsenkel sind offen.
Unangenehm, wie schwer mir Einsamsein beizeiten fällt:
Ich rede leise mit mir selbst – habe Angst vor irgendwas.

Vorsommer I

Die neue Wohnung fühlt sich direkt wie zuhause an
Nachts leuchten golden die Laternen Bonns
Meine Haare hängen im Gesicht herum
Der Kühlschrank voll mit Bier.

Freitag, 12. Mai 2017

Europa: Eine kritische Bestandsaufnahme

Es fällt mir überraschend schwer über Europa zu schreiben: seltsam bezugslos, befremdlich kalt, sehe ich mich diesem abstrakt-großen Gegenstand gegenübergestellt, dessen derzeit übersteigerte Wichtigkeit mir Tag für Tag verständlich gemacht werden soll.

Zuallererst denke ich, dass kein Gegenstand dieser Welt es nicht wert wäre kritisiert zu werden; dass Erhaltungswürdigkeit, soll sie nicht als leeres Wort fungieren, sich als solche zu beweisen hat.

Und Europa – nur weil Dich dieselben Menschen hassen, die ich für ihren Hass verachte, sind wir beide leider keine Freunde; nur weil eine ach so aufgeklärte Jugend, in einem spontanen Anfall unbeholfener Re-Politisierung, ihre Apathie vermeintlich überwindend, den diesmal endgültigen Untergang des Abendlandes drohend am Horizont heraufziehen sieht, erschließt sich mir nicht ganz, wie dies das pawlowsch-reflexhafte Verfassen schmerzhaft kitschtriefender Lobeshymnen auf deine heilige Unfehlbarkeit begründen könnte.

Ja, Gemeinschaft ist als Mensch das Höchste: nur gemeinsam, als gleichsam Anerkannte, sind wir frei. Und nein, ich glaube nicht, dass die sogenannten ,,westlichen Werte’’ bloß irgend-relativierbare Propaganda-Chimären von temporärer Wahrheit wären.
Doch der Angst vor dem Zerfall aller europäischer Gemeinsamkeit geht die Frage nach Substanz voraus:
Wie dicht sind die Netze, die zu reißen drohen, wieviel Last vermögen sie zu tragen?
Welchen Sinn macht subjektives Klagen, jenseits jeden Reflexionsniveaus?
Wem nützt blinde Emotion, aus einer unbestimmten Furcht heraus, man könnte uns die Freiheit nehmen, die, wenn wir einmal ehrlich sind, noch nicht mal hier für jeden gilt?

Als Kind des Friedens weiß ich nicht, was Pazifismus heißt.
Als Kind des Wohlstands ist mir Armut fremd.
Als Kind der Freiheit, Tyrannei ein leeres Wort.

Und wenn Europa genau das bedeutet:
Frieden, Wohlstand und Freiheit für jeden Einzelnen in ehrlich anerkannter Einigkeit:
dann bin ich Europäer, dann weiß ich jetzt, wovon ich schreibe!
Doch diesem Europa, das wir uns so gern erträumten, gilt es – vor allem durch  Kritik endlich Leben einzuhauchen; es aufzuwecken; es durchs Hinterfragen wahr zu machen;
denn kein simples Hinnehmen des Gegebenen, das bloß im Bedrohtsein kurz erträglich scheint, wird in der Lage sein dieses Europa, unser Europa, über sich hinauszutreiben:

in eine wahrhaft freie Welt, fern von Herrschaftszwang und Ungleichheit.
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Donnerstag, 4. Mai 2017

Anfang Mai

Verkatert in Bonn, der graue Himmel liegt uferlos und träge über der Stadt. Ich hänge kreidebleich in irgendwelchen Hörsälen, zitt're hektisch, gierig Wasser trinkend, beim vergeblichen Versuch nicht allzu schnell zu kotzen. Die Deckenlampe flackert, wütend knackt die Heizung; das dunkle Holz der Wände starrt mich unversöhnlich an. Und das Einzige, was mich bei Laune hält, sind wieder mal die viel zu vielen, viel zu schönen großen blonden dürren Mädchen, mit ihren hochgesteckten Haaren und traurig-wachen Augen, in schön geschwung'ner Schrift mitschreibend, in Richtung altem Herrn Professor strahlend.

Tote Hybris

Ich hab' mich an der Schärfe meines Denkens wundgeschnitten, bin ein entstelltes, scheues Kind; und alles Schöne wird in meinem Mund zu Asche. Fühl' mich manchmal, so wie jetzt, und an sich viel zu oft, vermeintlich nur zuhaus' im ewig gleichen Dauerrausch. Der fiese Nachgeschmack des falschen Selbsts, bis zum Erbrechen aufgebauscht und ausgelebt. Und einsam und allein verharre ich auf meinem Reflexionsniveau, so traurig fremd von aller Welt: Menschen hinter Milchglasscheiben.
Die Luft ist dünn, ich lach' sehr viel – die Zeit war schön, viel Spaß euch noch.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Sonntagsfrühstück II

Schon wieder auf zehn Bier in der guten alten ULB,
Kopf gesenkt, heimlich meine Fahne schwenkend,
Adorno, Hegel, Kafka lesend.
Und die Dinge sind jetzt wieder schön,
Häuserschluchten ragen gierig Richtung Himmel;
Bonn erstrahlt in sattem Gold.
Der monoton prasselnde Frühlingsregen spült ungeduldig, unbeirrbar,
den Dreck von allen Straßen, den Dreck aus meiner Seele
und erzeugt, jahrzehntealtes Elend klärend, ein schlammig-trübes Meer,
das fast die ganze Welt verschlingt.
Und meterhohe Wellen brechen tosend auf die Stadt herein;
hoffnungslos geworfen treibe ich umher,
in wütend wirren Strudeln, den Tiefen meines Selbst;
und ich würge, zucke, zapple  –
alles voll von Blut und Kotze, wie mein Bad am Sonntagmorgen.

Freitag, 28. April 2017

Sprachverwirrung

Seltsam überkommt mich das Gefühl der Gottverlassenheit von hinten links im Schädel:
Die schöne neue Wohnung ist so groß und noch so leer.
Denn auch wenn ich sonst so furchtbar gern' alleine bin:
Jetzt gerade fällt es schwer
und mir fehlen ein wenig die Worte.

Freitag, 14. April 2017

Der gordische Knoten

Das zweite Mal an diesem Tag verliere ich mich für unbestimmte Zeit in den endlos-braunen Augen eines ausgesprochen hübschen Mädchens, das sich im Neonlicht des beinah' leeren U-Bahnhofs – wie aus Versehen – auf den orangefarbenen Plastiknachbarsitz; und danach, in der Straßenbahn, mir direkt gegenüber setzt.
Beim Aussteigen überschwemmt mich dann ein todtraurig-leerer Blick:
Hätt' ich ein Herz, ich glaub' es würd' kurz zucken.
Stattdessen denk' ich mir, wie gierig ich doch bin, auf jedes noch so kleine Stück Ästhetik, das ich doch niemals haben kann – noch haben will – dabei durch es so gern zum Ich zu werden glauben würde.
Kurz bin ich heute wieder Gott gewesen – dann auf dem Weg zu meiner Wohnung unbeholfen über eine Gehwegkante gestürzt.

Jetzt wird der Oberlehrer wieder philosophisch

Ich sage mich unwiederruflich los von jeglichem blinden Indeterminismus, allem bloß naiven Subjektivi- sowie Individualismus, sämtlichen Formen stupider Glorifizierung praktischen Handelns und damit dem Irrwitz der Unsitte des Aberglaubens auch nur einen Kieselstein, ein Sandkorn dieser Welt wahrhaftig über den Lauf der Dinge hinaus beeinflussen zu können. –
Verschreibe mich stattdessen gänzlich dem Gedanken, begebe mich in Gottes Hand, in der ich, wie sich jetzt erst zeigt, doch immer schon längst lag:
Das Allgemeine ist das Ganze, ist das Wahre, bin auch ich.
Und es steckt so viel ruhige tiefe Wahrheit in dem wilden Oszillieren zwischen kaltem klaren Geist und butterweichem Selbst, durchtränkt vom warmen Herz der Welt.
Sämtliche der so willkürlichen wie subjektiven Partikularitäten um mein Ich herum und selbst auch in ihm drin sind ihm und damit mir mit der Zeit, diesen paar Herzschlägen, Augenblicken, so schmerzhaft fad und trüb geworden.
Plötzlich zeigt sich, wie von selbst, wie unsagbar viel Ästhetik, Herz, Moral (man könnte sagen Liebe) für mich, seitdem ich denke, im Weltlauf, der Vernunft, verborgen war –
ganz ohne dass ein Ich sich dies von sich aus-denken müsste.
Mein geliebtes Hen Kai Pan blitzt hektisch zitternd auf:
Der Bezug zum Transzendenten, das Verwickeltsein ins All – es pocht und zuckt und strahlt.
Die Axt im Kopf kommt an ihr Ziel, erlöst mit letztem festem Hieb die gordische Verdrehtheit ihres Grunds:
Dessen Entfaltung, die ich bin, scheint als Vernunft und ist die Welt.

Sonntag, 9. April 2017

Hanami II

Ein ungewohnt ruhiger und klarer Samstagnachmittag in Bonn: Das quadratische Bibliotheksgebäude ragt, grau-weiß den hellblauen Himmel kontras- sowie kastrierend, aus diesem doch auch erst erwachsend, aus ihm hervor. Schneidet sich – sich seiner selbst so absolut gewiss – stumm und unbarmherzig, mit tiefen Schnitten durch die blaue Kuppel (die heut' mehr wie eine Leinwand wirkt) und in die Welt hinein.
Auf dem Vorhof des Gebäudes sitzen oder liegen Mädchen, in kurzen Tops und schwarzen Hosen, faul auf den Steinplatten herum. Die Frühlingssonne wärmt die ganze Stadt. 
Eins von ihnen dreht sich zu mir um – ich werfe eine letzte Hand 1€-Studentenfutter aus dem Automaten in meinen Mund, kaue lustlos darauf rum und starre stumpf zurück.
In einigen Straßen fallen Kirschblüten, der Rhein fließt träge vor sich hin, gelegentlich sieht man ein paar Ruderer vorbeiziehen.

Mittwoch, 5. April 2017

Auf verlorenem Posten

Wenn wir Begriffe wie ZeichenMetaphysik oder Dialektik verwenden,
dann interpretieren wir die Sphären dieser Welt
grundlegend anders,
als die allermeisten andern Menschen –
und können daher von diesen
weder verlangen noch erwarten
unsere Sicht der Dinge blind zu teilen,
wenn doch jene das diese hervorbringende Werkzeug
weder kennen noch verstehen,
noch dies wollten
oder müssten.

Donnerstag, 30. März 2017

R. S.

Es ist lustig, wie sehr mein alter Herr
in seiner Welt festhängt,
wie wenig überzeugend vermittelt,
dass er wirklich fühlt, und gerne,
ach so gerne –
wenn er doch nur könnte –
ein kleines bisschen helfe.

Und ich tue es ihm gleich,
mit meinem grünen Tee,
dem stundenlang ins Leere Starren,
dem wochenlang allein Rumtreiben.

Absurd, wie zwei so gleichermaßen
sich sowie dem andern Fremde,
sich an den Rändern ihres Einsamseins
beinahe zu berühren scheinen –
es in Wahrheit doch nie tun –
dabei dieselbe Seele sind.

Mittwoch, 29. März 2017

Du trägst dein Kreuz, ich trag' mein Kreuz

Der Ernst des Denkens fällt mich an:
Die Liebe zur Vernunft –
sonst nichts auf dieser kranken Welt –
sie bleibt mir heilig.

Die Axt in meinem Kopf II

Plötzlich bricht da aus mir raus,
der Grund des Seins der Axt im Kopf –
der wieder und wieder erwachsende,
mit jedem Atemzug pulsierende,
gordische Knoten,
den mein verdrehtes Ich,
verzweifelt um Luft ringend, so zwanghaft zu zerschneiden sucht;
doch damit nichts als scheitern kann
und scheitern muss.

Ein paar letzte Zigaretten auf dem Balkon;
ein Krankenwagen fährt vorbei –
alles seltsam bedeutungsschwanger.

Mittwoch, 22. März 2017

Die Sicht des Ichs als Ich

Ich stehe barfuß und in Unterhose auf dem Balkon und rauche. Die letzten sieben Tage eines sehr verwirrenden Jahres in Endenich. Die kahlen Bäume vor dem Versicherungsgebäude gegenüber sehen im goldenen Licht der zwischen ihren langen dürren Ästen verwachsenen Laterne ein bisschen aus, wie ausgedorrte Lungenbläschen. Die Straße atmet flach und ruhig, liegt ganz friedlich da, während ein mattschwarzer Mercedes, mit leise laufendem Motor, eine halbe Ewigkeit artig an der roten Ampel steht. In der Etage über mir hört man vereinzelt Schritte. Gerade wurde irgendwo eine Balkontür aufgestoßen. Im Hintergrund leuchten, rot blinkend, die weit in den Himmel hineinragenden Industrieschornsteine Wesselings; pusten graue Nebelwolken in die kalte klare Nacht. Ein Fahrrad fährt, mit surrendem Licht, klappernd die Hauptstraße entlang; und ich denke dankbar an die Mädchen, mit denen ich hier, in diesem Jahr, nachts auf dem Balkon gestanden, geredet und geraucht, die Einsamkeit ein wenig vergessen habe. Kurz drängen sich, aus der Dunkelheit hervorbrechend, die viel zu vielen endlos langen, und dann doch auf unbestimmte Zeit im Nichts verschwindenden, durchgemachten Nächte auf; verlieren sich, genauso schnell, in ihrer schrägen Weltfremdheit. Der Beton unter meinen Füßen lässt mich unangenehm schnell auskühlen; ich gehe kurz zurück nach drinnen, ziehe meine neuen, mir so schnell so sehr ans Herz gewachsenen, braunen Hausschuhe an.
Plötzlich: Erinnerungen an mein altes Kinderzimmer, im ersten Stock, in dem ich früher, in endlos langen warmen Sommernächten, genauso schlaf- wie traumlos, wachlag, während der Zigarettenrauch meiner auf der Haustürtreppe rauchenden Mutter durch die hölzernen Fensterläden und die viel zu dünnen, einfachverglasten Fenster hindurch hineinzog.
Als Kind habe ich immer lange wachgelegen und den blinkenden Lichtern der am Horizont vorbeiziehenden Flugzeuge hinterhergeschaut, während das Flurlicht durch die nur leicht angelehnte Zimmertür hindurch ein schmales helles Dreieck in die Dunkelheit des Raumes malte.
Ich habe in diesem Leben nichts beruhigenderes erlebt.
Deswegen habe ich auch heute Abend die Balkontür offen stehen gelassen, um jetzt erneut im Bett liegend, ein kleines bisschen Restzigarettenrauch, in der Wohnung, dieses fast vergessene, vergilbte Gefühl heraufbeschwören zu lassen.
Bald wird das alte Haus in Schmerbroich abgerissen, und diese eine, ganz konkrete Perspektive, der Blick aus dem großen Küchenfenster auf die im Hintergrund in den Himmel hineinragenden Baumkronen, wird sich, wie so vieles hier, auf Nimmerwiedersehen im Nichts verlieren; auch wenn die Bäume selbst ja stehenbleiben, nur dann bloß gänzlich unbetrachtet, für keinen Geist der Welt von Wert.
Und irgendwie fühl' ich mich seltsam ruhig; meine Getriebenheit verliert sich, ohne großes Klagen, in dieser ersten, noch recht kalten Frühlingsnacht, und ich bin mir sicher, dass wenn morgen früh der Wecker schellt, die Sonne scheint, und Vögel singen, und alles seltsam wirklich ist.