Samstag, 3. März 2018

Eine subjektive Erinnerung an den schönsten Moment meines Lebens

Es ist Silvester 2000.
  (Wahnsinnig genug als vereinzeltes, beliebiges Individuum eine Jahrtausendwende zu erleben – in Anbetracht der Ewigkeit trotz allem ziemlich arm.) Durch die von der Wärme beschlagenen Wohzimmerfensterscheiben sieht man Feuerwerkskörper bunte Schlieren in die Nacht malen. Eine vereinzelte Rakete steigt langsam auf, explodiert, und tausend blutrote Splitter fallen kreisrund zu Boden. Wieder und wieder explodierend. Alles bunt und hell und neu.
  Vorhin hat mein Großvater mit einem illegalen Polenböller ein beträchtliches Stück der Einfahrt weggesprengt und es gab dinosaurierförmige Chicken Nuggets zum Abendessen – wundervoll.
  Im Fernseher, der immer läuft, läuft eine deutsche Komödie von und mit Otto Waalkes. (Auch eine Person des öffentlichen Lebens, die wirklich niemand vermisst.) Der Kamin lässt Holz verglühen und füllt den Raum mit Wärme. Es riecht nach Rauch, glaube ich. Irgendwie beruhigend. Ich spüre die endlose gebirgskettenartige schwarze Ledercouch weich unter meinem kleinen Rücken, eingewickelt in einen aus dutzenden Decken bestehenden Flauschberg. Dicht an mir liegt mein Bruder, umarmt mich fest, und starrt mich mit seinen braungelb leuchtenden Augen an wie eine Lichtgestalt.
  Die Zeit steht still, auf ewig.
  Mein Großvater versinkt mit seinem dicken Bauch mehr und mehr in seinem noch dickeren Sessel. Verschmilzt: mit dem Zimmer, der Wärme, dem Leuchten – mit allem. Auf dem Kaminsims tickt beharrlich eine alte Uhr mit römischen Ziffern, die mich wütend, fassungslos, rasend macht, weil ich ihre Ziffern nicht verstehe. Auf dem kleinen Tischchen steht ein Porzellangefäß, gefüllt mit Kandiszucker. (Wer zur Hölle isst überhaupt verdammten Kandiszucker?) Der alte dumme Dackel, der – wie der Fernseher immer an war – immer da war, im Todesfall bloß kurz unauffällig ausgetauscht wurde, liegt stumm auf seinem Platz und genießt die Wärme des Kamins. Starrt mit altem weisen Blick ins immergleiche Nichts und ignoriert die Außenwelt gekonnt. Meine Großmutter trinkt, wie jeden Abend, ein Bier aus einer Dose, die bedruckt ist mit einem türkisfarbenen Muster, das aussieht wie eine bayrische Tischdecke, dessen Marke ich bis heute versuche herauszufinden.
  Ich habe das alles wirklich so erlebt. Und allein schon deswegen: Wegen dieser Schönheit, Liebe, Nähe, die ich – ich wiederhole das nur für mich – wirklich erlebt habe, bin ich in der Lage all den Stress, der mich umgibt, irgends zu ertragen. Genauso aus Respekt vor denen, die so etwas nie hatten. 
  Danke Opa und Oma, ich hoffe es geht euch beiden gut, in eurem Wohnzimmer, im gerade beginnenden Jahr 2000, in dem ich euch so gut wie jeden Tag besuchen komme.

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