Montag, 25. April 2016

Ende April

Leise klopft der langsam fallende Schnee gegen die endlos scheinende Fensterfront der Universitätsbibliothek. Nach und nach bleiben vereinzelte Flocken kurz kleben, lösen sich dann doch, werden zu Wasser. Post Tower und Kennedybrücke scheinen irgendwann im Laufe des Abends einfach unbemerkt von der Dunkelheit verschluckt worden zu sein.
Alles fühlt sich an wie Weihnachten: das irgendwie legitimiert wirkende, angeregte Wachsein, spät am Abend; das goldverschwomm'ne Licht, die schleierhaft verwischte Sicht; das grundlose Gefühl seltsam entrückter Erhabenheit; das zeitlos-stille Aufgehen im warmen Schoß des Augenblicks.
Eine befremdliche Momentaufnahmen: die Spiegelung meiner selbst, seltsam weit entfernt, verzerrt, im bordeauxroten Hemd. Dahinter flackernd vom Rheinufer emporsteigend, zielloses Blaulicht, trichterförmig in zaghaft blühenden Baumkronen rotierend. Drei oder vier Scheinwerferpaare schieben sich quälend langsam die feuchte Straße entlang, verweilen kurz verwirrt, trotten dann unbeirrt ihrer unergründlichen Wege.

Aus Versehen oder unterbewusst oder aus einem anderen mir unerfindlichen Grund, habe ich mich heute Abend ausgerechnet genau so hingesetzt, dass sämtliche sonst Anwesenden mich, wenn sie denn wollen, ungehindert ansehen können. Es ist Sonntagabend, kurz nach zweiundzwanzig Uhr, der Lesesaal so gut wie leer und mein Leben hat nur Wert, wenn man es bemerkt.
Ich lächle lächerlich ehrlich wirkend, während ich bemerke, wie ich in einer Mischung aus tatsächlicher Nachdenklichkeit, Absichtslosigkeit und stumpfer Affektiertheit, beinah andächtig meinen müden, indes klaren Blick hebend, kurz die aus der Ferne wie zwei große schwarze Oliven scheinenden Augen meiner Reflexion fixierend verharre, um dann weiter, zum oberen Bereich der Fenster und schließlich dem Ende der schweren Säulen, der Zimmerdecke, mit ihren in unverständlichen Formationen angeordneten Überwachungskameras und Kunststoffplatten zu schweifen. Ganz so, als bemerkte ich sie nicht, die Beiden, die mich unangenehm ausdruckslos anstarren: ein Mädchen, dunkle Haare, schöne Augen, rotkarierte Jacke und ein junger Mann mit bösem Blick, Kopfhörer tragend, über ölig zurückgekämmtem Haar.

Ich kann letztlich nicht mehr trennen, was ich glaube, was ich weiß und was ich schreibe. Was ich bin, zerfließt zu Text. Ungebrochen hin- und hergerissen in den Widersprüchen dieser Welt, der Axt im Kopf, dem tiefen Spalt im Innerstem vom Selbst.

Ein paar Stunden noch verbleibt die Nacht, mit der Sonne dann wird alles Rauch.