Donnerstag, 3. Mai 2018

Der Begriff der Nachhaltigkeit in Anbetracht des Seelenlebens zweier Bonner Bürger

Ich bin aus dem kleinen Heimatdorf nach Bonn gezogen. Bin, wenn man so will, der Stimme der Vernunft gefolgt, um – statt in verrauchten Kellerzimmern oder völlig breit, auf irgendwelchen Bänken – im Geist selber zu versinken: Das Philo-Institut als Therapeutencouchersatz.
Ganz einfach weil ich weiß wie sich Gottverlassen-, Ganzalleinsein anfühlt: Eine Kindheit festgeklebt im Wohnzimmer, eingehüllt in angebranntes Fertigdosenessen und sediert vom Free-TV verbracht. Und bis heute fühlen sich die immer gleichen Werbeclips irgendwie realer an, als der ganze Rest der sogenannten Wirklichkeit. Nur dieses eine, alles usurpierende, mich komplett fragmentierende Gefühl, das ist geblieben: Völlig in mir selbst versunken, Dornenkronenkönig meiner kleinen kranken Welt.
Und auch wenn ich nach außen hin, das wirre Innere verleugnend, mittlerweile wie ein ruhiges Wasser wirke – beizeiten sogar ehrlich lache – bleibe ich vom Wesen her, zumindest dieses Leben lang, prekär. Ein bloßes Partikel der Menge an kaputten, verwahrlosten Herzen, in denen Nacht für Nacht der Takt der Stadt pulsiert und pocht und zuckt, bis alles drückt und zerrt und zum Schreiben oder Saufen oder beidem zwingt. Der Kopf zum Bersten voll.
Und dennoch ist mir hier wider Erwarten gleich ein ganzes Dutzend Anderer begegnet, an denen ich gewachsen- und die mich, warum auch immer, nehmen, wie ich bin, soweit es eben geht und sich nur manchmal, still für sich, denken, dass das alles schon sehr wirr wirkt.

Und ich kenne da diesen Typen, der es ein wenig schwerer, der, in dieser Stadt, nicht ganz so viel Glück, wie ich, vielleicht, gefunden; der mich in der Innenstadt nach Geld gefragt hat. Dabei so herzzerreißend freundlich, kaum älter als ich selbst war. Wir sind dann ins Gespräch gekommen: über das Leben in Bonn – die Menschen – die Liebe.
Und ich kenne da diesen Typen, der dann irgendwann in meiner Bahnhaltestelle gepennt hat. Und wenn ich mitten in der Nacht oder morgens früh vom Feiern heim kam, dann haben wir von meinen Kippen geraucht und dagesessen; in der Winterkälte eingesunken, tief von dichtem Qualm umschlossen: Zwei Menschen, grundverschieden, doch letztlich beinah' beieinander: Zwei Bonner bei Nacht, die einfach irgendwie ein wenig eigen sind. Und so vergingen Wochen nächtlicher Gespräche.
Bis beide Beine anfingen wegzufaulen und er erst am humpeln, dann lange weg war. Sodass ich mir schon Sorgen machte, um diesen furchtbar netten Typen, der so zart wirkt, wie ich selbst und dabei doch eigentlich ganz unzerstörbar. Dachte ich zumindest, ganz für mich, wenn ich nachts in meinem sich’ren Haus und unter meinem warmen Deckchen lag.
Und ich kenne da diesen Typen, der dann irgendwann wieder am Bahnhof rumhing, verändert, verwirrt, plötzlich auf Hilfe angewiesen.

Und heute – nachdem der Frühling kam und mit seinem alles durchziehenden, pinkfarbenen Kirschblütengewitter ungefragt die Innenstadt geflutet hat – sitzt er wieder, neben Menschen in kurzen Hosen, die Eis essend oder gut gelaunt gut gekühlte Biere trinkend durch die Gegend schlendern, in der schmalen Gasse, in der wir zum ersten Mal geredet und uns irgendwie, ganz vielleicht, ein klein wenig kennengelernt haben. Lächelt freundlich, fast wie früher, von seinem Rollstuhl aus in meine Richtung.
Und manch einer findet in der Stadt sein Glück – der andere verliert hier beide Beine. Jeder für sich so unerträglich einsam im eigenen Kopf. Nur für den einen, für den hat es so unendlich viel Wert und mehr Bedeutung, als man sonst wo findet, vielleicht zumindest ein paar Cent und ein paar nette Worte anerkannt zu kriegen.
Das sollte niemand hier vergessen.

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