Mittwoch, 16. September 2020

Kurze Bestandsaufnahme II

Ich hab' seit Wochen keinen Text geschrieben.
Die Fenster sind verschmiert,
dahinter: Abendsonnenstrahlen,
die sich in den schwarzen Autodächern spiegeln,
und die Fassade gegenüber
evoziert Sehnsucht nach dem, was, gut versteckt,
dahinter scheint:
Der Strand? Die Freiheit? Das Absolute?
Die Schichten meiner Wahrnehmung
– eine Orangenhaut aus Glas –
haben abgeblüht und welken grau.

Heute Morgen bin ich wach geworden und musste
unvermittelt daran denken,
wie ich meinen Großvater zum letzten Mal gesehen,
ihm die Hosenträger über die Schultern gezogen und 
beim Aus-dem-Garten-Hinken hinterhergerufen habe:
»Pass bitte auf Dich auf, ja?!«

Jetzt steh' ich barfuß in der Küche und
denk' darüber nach, dass
manche Wunden eben blutig bleiben.

Samstag, 18. April 2020

Im Garten lesen

Das Holz des Werkzeugschuppens knarzt im Wind,
im Nachbargarten spielen die Mädchen und
ein Hund springt herum
– sonst passiert nicht viel.

»Die Blumen riechen intensiv!«,
sagst Du,
im Schatten der Hauswand sitzend,
und runzelst die Stirn.

Meine mageren Arme glühen im Sonnenlicht;
ich schaue kurz auf meine Narben
– dann schnell hoch zum Himmel.

Um uns herum das satte Grün der Pflanzen
und der Bäume;
alles voll von Blütenpollen.

Du erzählst von Zeit zu Zeit von dem Roman,
in dem Du gerade liest
– und ich
freue mich
über Deine Offenheit.

Ich verliere mich abrupt in meinem Denken.
Aber auch in diesem ruhigen
Nachmittag
mit Dir.

Dienstag, 14. April 2020

Ein Tag in Bonn

Der Sonntagmittag rinnt die Dächer der Stadt entlang,
taucht die Welt in sattes Frühlingslicht,
lässt den Raum vor lauter Tatendrang pulsieren;
jeder meiner Muskeln spannt
– Du nimmst den Hörer ab und sagst:
»Bis gleich, mein Liebster!«

Ich fühle mich eigenartig wohl in meiner Haut:
Ich strecke mich.
Ich rasiere mich.
Ich wasche mich.

Ich verstecke mich
im Schatten des Hauseingangs
vor dem gewaltigen Gefühl,
Dir nah zu sein

– bis die Tür aufgeht:
Der schöne Schwung Deiner Augen.
Die Schwärze Deines Rocks.
Die verzierten Träger Deines Oberteils.
Die Schnüre Deiner Schuhe
an den Unterschenkeln:
Mein Blick bleibt unbeholfen kleben
– und alles gerinnt zu der Gewissheit:
Es ist gut, zu leben.

Wir laufen durch die Allee der Hofgartenanlage,
mein Arm auf Deiner Schulter.
Wir sitzen am Rhein.
Wir essen Eis.
Du isst mein Eis.
Du lachst
– und ich
bin glücklich.

Dann liege ich wortlos neben Dir im Bett,
beobachte,
halb im Geheimen,
wie Du ein Foto von den lackierten Nägeln
und den Abdrücken der Schnüre
auf den blassen Beinen
machst
– und träume,
noch ganz,
ohne
zu schlafen.