Freitag, 9. September 2016

Vortag der Abreise

Der Moskovskaya brennt wie Feuer, treibt mir meinen Dämon aus, taut das Eis im Innern auf.
Fünf verfickte Jahre dachte ich, ich wäre beinahe Vater – blute noch heute jeden Tag im Strahl,
wegen dieser einen kranken Lüge; diesem bald zehn Jahre alten Fehler:
Wunderschön schneeweiße Haut, blutrot geschminkte Lippen – ein Genickbruch, einer Märchenfigur gleich.

Und langsam bahnt mein Schreiben sich seinen steilen Weg zu meinem wahren Sein –
ich vergesse mehr und mehr zu essen; werde weniger; steige langsam Richtung Himmel auf.
Muss manchmal, wenn ich schlafe, beide Beine mit einer dünnen Schnur am Bett festknoten,
um nicht vom an die Zimmerdecke Stoßen aufgeweckt zu werden.
Trage immer meine engste Jeans, den weitesten Pullover –
verliebt in meine Schwäche/Traurigkeit, dieses Dornenkronenreich:
Hinter trüben blauen Augen, vor der Außenwelt versteckt –
einem zerfall'nem Luftschloss gleich, das, so fern jeder Idee von Stärke, Großmut, Ehrlichkeit
ungehindert in sich selbst versinkt,
dabei doch trotzdem so zum Heulen lächerlich gefüllt mit Liebe ist,
dass ich bis heute nicht verstehe, wie ich sie zeigen soll, ohne dass es mir die Brust zerreißt.

Die Großstadtnacht zerbeißt mein Herz, spuckt Blut und Sehnen auf Asphalt;
die Straßenbahn fährt unbeirrt, so als ging' es sie nichts an, durchs dicke dichte Schwarz;
Hochhausfassaden schweigen traurig; der Mond, der alte Bastard, sieht gierig lächelnd zu.

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